„Dieses Buch zeugt von Mut, Charakterstärke und Humor – von all dem, was Politiker von ihrer besten Seite zeigt“, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel im Gespräch mit Sabine Leutheusser-Schnarrenberger. Anlass war die Präsentation eines neuen Buches der früheren Bundesjustizministerin im Rahmen am Dienstag, dem 28. März 2017 in Berlin. 1996 wollte die damalige Ministerin Leutheusser-Schnarrenberger den ‚Großen Lauschangriff‘ ihrer Partei nicht mittragen und legte ihr Amt nieder. Dafür erntete sie viel Respekt. Auch heute ist Haltung in der Politik gefragt – wohldosiert, freilich. Zum Thema berichtet Florian Neuhann im heute-journal. 

Haltung ist Stärke – diesem Motto blieb Sabine Leutheusser-Schnarrenberger stets treu. Auch als ihre politischen Entscheidungen als Bundesjustizministerin Missfallen beim eigenen Vater fanden und er dies sogar öffentlich kundtat:

»Später, als ich Ministerin war, hat mein Vater eine besondere Form der kommentierenden Stellungnahme zu der von mir vertretenen Rechts- und Justizpolitik gewählt: Er hat kritische Leserbriefe in der FAZ geschrieben zu Entscheidungen, die ich als Ministerin getroffen habe, mit denen er nicht einverstanden war. Nicht häufig, aber zu einzelnen Themen. Obwohl er stolz war auf seine Tochter, ließ er sich das öffentliche Kundtun der eigenen Meinung nicht nehmen. Das Abtreibungsrecht war so ein Thema, denn er war gegen die Fristenregelung und damit Teillegalisierung. Das andere Thema war die Bundeswehr und alles, was mit ihr zusammenhing. Er war der Meinung, jeder müsse dem Staat gegenüber seine Leistung erbringen, der Wehrdienst sei wichtig und das System der Bundeswehr funktioniere gut. Er sympathisierte deshalb auch mit einem sozialen Jahr. Außerdem hat er sich über die Bundesverfassungsgerichtsurteile zu dem Tucholsky-Zitat „Soldaten sind Mörder“ geäußert, das, als Zitat verwandt, unter das Recht auf allgemeine Meinungsfreiheit fiel – gerade mit Blick auf die Rolle der Bundeswehr hat ihn das verärgert. Er hat keinen Hehl daraus gemacht, dass er einigen Auffassungen der damaligen Justizministerin von 1992 bis 1996, also seiner eigenen Tochter, kritisch gegenüberstand. Er hat mir zwar seine Kommentare angekündigt, angenehm waren sie mir nicht. Das musste ja nun wirklich nicht sein. Für manch politischen Konkurrenten waren sie ein willkommener Anlass zu lästern nach dem Motto: „Wenn Sie noch nicht mal den eigenen Vater überzeugen können…“ Heute bin ich rückblickend milder in meiner Bewertung und kann die damaligen Befindlichkeiten nachvollziehen, zeigen sie doch sehr gut den Spannungsbogen und das Spektrum an Standpunkten in meiner Familie, und damit auch die Bandbreite der Auffassungen in der damaligen Gesellschaft.«

Kurzvita
Sabine Leutheusser-Schnarrenberger wurde am 26.7.1951 in Minden als Tochter eines Anwalts geboren. Sie studierte Jura in Göttingen und Bielefeld und trat 1978 in die FDP ein. Zweimal war Leutheusser-Schnarrenberger Bundesjustizministerin. Damit war sie die erste Frau in einem klassischen Ressort. 1996 trat sie aus Protest gegen den „großen Lauschangriff“ zurück. 13 Jahre später kehrte sie in das Amt zurück. Nach dem Ende ihrer zweiten Amtszeit 2013 wurde sie in Googles ehrenamtlichen Löschbeirat berufen. Sie ist Vorstandsmitglied der Friedrich–Naumann–Stiftung für die Freiheit und stellvertretende Vorsitzende der Theodor–Heuss-Stiftung. leutheusser-schnarrenberger.de

Sabine Leutheusser-Schnarrenberger Haltung ist Stärke, Kösel-VerlagIn ihrem Buch »Haltung ist Stärke« gewährt Sabine Leutheusser-Schnarrenberger sowohl Einblicke in ihr privates als auch ihr politisches Leben. Sie erzählt von ihrer Kindheit, in der sie bereits früh durch ihren Vater in den Kontakt mit Politik kam, von den Gründen für ihren späteren Eintritt in die FDP, von ihrer Zeit im Kabinett unter Helmut Kohl, von ihrem Rücktritt als Justizministerin aus Überzeugung gegen den »Großen Lauschangriff« und schließlich von ihrer Rückkehr unter Bundeskanzlerin Angela Merkel. Dabei lässt Sabine Leutheusser-Schnarrenberger stets erkennen, wofür sie eintritt: Die liberale Demokratie muss um jeden Preis verteidigt werden!

Sabine Leutheusser-Schnarrenberger steht mutig und unbeugsam für ihre Überzeugungen ein. Ihre Entscheidung als Ministerin im Kabinett Kohl zurückzutreten, weil sie den ‚Großen Lauschangriff‘ ablehnte, brachte ihr über alle Parteien hinaus und in der Bevölkerung höchsten Respekt. Sechs Jahre später kehrte sie zurück und setzte an der Seite von Angela Merkel ihren Kampf für die Freiheitsrechte fort. Mit Leidenschaft, einem langen Atmen, Humor und unbedingter Sachbezogenheit zeigt Sabine Leutheusser-Schnarrenberger Qualitäten, über die Politiker heute selten verfügen und die von den Wählern vermisst werden.

Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, Haltung ist Stärke. Was auf dem Spiel steht. Veröffentlicht am 27. März 2017, im  Kösel-Verlag.

Video-Quelle: Werte und Haltung von Politikern, aus: ZDF/heute-journal vom 28.03.2017

Knut Kuckel

Journalist (Radiojournalismus). Berufliche Stationen: Belgischer Rundfunk (BRF), Südwestrundfunk, SWR, Hessischer Rundfunk (hr).
Follow @KnutKuckel

Alle Beiträge

1 Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Kommentare werden moderiert. Es kann etwas dauern, bis dein Kommentar angezeigt wird.

  • Mit der CDU gibt es weder Datenschutz noch Geheimdienstkontrolle noch Whistleblowerschutz – nicht einmal die Entsprechung der Stasi-Unterlagenbehörde: Gauck hat inzwischen das neue Archivgesetz mit der GEHEIMDIENST-AUSNAHME unterzeichnet: wir können uns rechtsstaatlich nicht einmal in x Jahren gegen die anlasslose geheime Überwachung wehren!
    Warum also verbindet sich eine unserer Hoffnungsträgerinnen, Frau Leutheusser-Schnarrenberger, die genau verstanden hat(te), dass es hier um unsere Freiheit geht, ausgerechnet mit dieser CDU? Um mir die Wahlentscheidung im September gegen die FDP zu erleichtern?

Netzwerk

Wir freuen uns auf die Begegnung mit Ihnen...

Aktuell

Gerne gelesen

Wir über uns

Relaunched - Nachrichtenportal #journalistblog
Relaunched - Nachrichtenportal #journalistblog

#journalistblog veröffentlicht und vernetzt Beiträge und Meinungen.  Zur Politik, Pressefreiheit/Menschenrechten, den Medien und zur Qualität im Journalismus. mehr...

Bücher