„Schulz ist anders – deshalb hat er Erfolg“ schreibt Kurt Kister in der Süddeutschen Zeitung. „Von 0 auf 30 Prozent – in gut zwei Wochen“, sagte dieser Tage eine staunende Maria Gresz bei ihrer Anmoderation zu einer Spiegel-TV-Reportage über den Kanzlerkandidaten Herrn Schulz, der erst „die SPD und dann Deutschland retten soll.“ Das politische Deutschland rätselt, warum der Mann aus Würselen zum Shootingstar im Bundestagswahlkampf werden konnte? 

Wer ihn auf seiner rastlosen Tour durch die Provinzen begleitet, kommt der Antwort etwas näher: „Volksnähe schlägt Kanzlerinnenbonus“. Aber das ist es nicht allein.

Schulz redet nicht im Bundestag. Noch nicht. Das dürfen Abgeordnete und Minister. Schulz fährt aufs Land. Er redet mit den Menschen. Wie er dabei auftritt, kommt generationsübergreifend gut an. Er spricht aus, was viele bewegt und bringt die Dinge auf den Punkt, die ebenso viele umtreibt. Der Unterschied zwischen Arm und Reich wird immer größer. Wenige werden täglich reicher, zu Lasten derer, die dafür arbeiten müssen. Die Steuern und Sozialabgaben bezahlen. Das wird auch von Menschen mit einfacher Schulbildung verstanden.

Martin Schulz profitiert zurzeit aber auch davon, dass es einen offensichtlich weit verbreiteten Merkel-Überdruss gibt. Den verdankt die Kanzlerin der CSU, die sich als aktive Wahlkampfhelferin für Schulz nützlich macht, wo sie nur kann.  

„Ihr Parteichef hat mit einem lange Zeit sehr scharfen Anti-Merkel-Kurs Furchen gezogen, in die jetzt Samen für die SPD fallen“, kommentiert Kurt Kister (SZ). 

Was hat Schulz, was Merkel nicht hat? – Schulz steht nicht für jenes politische Personal, das die alten Wahlkampf-Rituale verkörpert. Gerade erst mal fünf Minuten nominiert, wird er schon in ersten Fernseh-Statements heruntergeredet. Konservative Politiker aller Parteien machen diese Fehler. Unterstützt werden sie von gleichgetakteten Medien, die seit Jahrzehnten viel lieber die Hahnenkämpfe der Politik im Wahlkampf provozieren, anstatt mal neue Wege einzuschlagen. Sehr oft ist man einfach zu nah dran.

„Überschwang, Feuer, Begeisterung – das sind die Gaben des Martin Schulz“, schreibt Heribert Prantl in der Süddeutschen Zeitung. „Der Kanzlerkandidat der SPD ist ein Mann mitten aus dem Leben, ein Populist im besten Sinne.“

Der Politikwissenschaftler Karl-Rudolf Korte von der Universität Duisburg-Essen sieht eine gewisse „Merkel-Müdigkeit“. Zitat: „Es gibt einen Verdruss über diese Art des Regierens.“ Merkels pragmatischer Stil, ohne ihre Politik wirklich zu erklären und ohne langfristige Ziele zu nennen, nutze sich ab. Schulz sei dagegen ein neues Gesicht in der Bundespolitik: „Man ist neugierig auf ihn, er hat den Charme des Nicht-Etablierten und das ist in einer Zeit, in der das Etablierte so kritisiert wird, ein großer Pluspunkt für die SPD.“

Es gab selten ein größeres Interesse an Politik wie in diesen Zeiten. Das verdanken wir der inzwischen weit verbreiteten politischen Autokratie ebenso, wie dem neuen US-Präsidenten, der  mit seinen irrationalen Tweets im Minutentakt und seinen merkwürdigen Auftritten, eine täglich größer werdende Weltöffentlichkeit ins Erstaunen versetzen kann. 

Der SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz verkörpert gerade das Gegenteil von all dem.  Er avancierte in kürzester Zeit zum Hoffnungsträger in der Politik, dem man zutraut, etwas am Althergebrachten zu verändern. Er scheint für das neue politische Personal zu stehen, das sich aufmacht, die ganz großen Zukunftsfragen unserer Zeit lösen zu wollen. Es geht dabei nicht nur um Gerechtigkeitsfragen.

Unsere reiche Gesellschaft wird immer ärmer. Das ist bekannt. Deshalb sollte die Lösung dieses Problems auf der politischen Agenda ganz oben stehen. Gerade streiten sich parteiübergreifend Politikerinnen und Politiker über die „Agenda 2010“. Sie gilt als „Sündenfall der SPD“. Was zu diesem Thema in konservativen Zeitungen aktuell zu lesen ist, wirkt meist lächerlich. An der „Agenda 2010“ muss nicht geschraubt werden, sondern die Menschen in Deutschland, Europa, der Welt brauchen eine veränderte Arbeits- und Sozialpolitik. Eine „Sozial-Agenda 2030“. Zum Beispiel.

Der arbeitende, steuer und -sozialabgabenpflichtige Mensch, wird nicht mehr alleine für den gesellschaftlichen Frieden sorgen können. Er wird in kurzer Zeit weitgehend von Robotern ersetzt, die vielfach schon jetzt für Aufsehen sorgen. Sie werden uns künftig in der Bar nebenan den „Coffee to go“ servieren, uns mit dem Taxi unfallfrei zum Flughafen fahren, unsere Pakete im Lager sortieren und auf den Weg bringen und unsere selbstfahrenden Autos produzieren. Diese Roboter sind leistungsfähiger als ihre Schöpfer, die Menschen. Machen nie Urlaub, arbeiten rund um die Uhr und werden nicht krank.

Roboter werden allein in Deutschland – sagen Sozialwissenschaftler –  für eine Massenarbeitslosigkeit sorgen. Die Rede ist von bis zu 18 Millionen Arbeitslosen in den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren. Wenn nichts geschieht.

Die Politik hat somit viel zu tun. Die interessierte Gesellschaft fragt, sich, wann wird sich „die Politik“ mit Dingen beschäftigten, die unsere Welt schon in wenigen Jahren diametral verändern wird? 

Die Ansätze gibt es. Aber wer heute nur mal „laut nachdenkend“ über Alternativen zum Lohnsteuerzahler spricht, wird im gleichen Atemzug von den Lobbyisten der Geldmarktindustrie in Grund und Boden geredet. Unsere Gesellschaft hat einen fühlbaren Mangel an Kommunikationsfähigkeit. Das sollte sich ändern. Politiker wie Martin Schulz, könnten dazu beitragen, dass sich das ändert. Die Menschen kommen in Scharen zu seinen kurzen Auftritten. Die Hinterzimmer der Dorfgasthöfe können sie gar nicht mehr fassen.

„Schulz ist kein Habermas, wird aber den Wahlkampf gut führen“, meint Heribert Prantl. „Einen Wahlkampf wird Schulz mit seinen Gaben wunderbar bestreiten können. Und dann wird man sehen. Das heißt: Das Ja steht vor dem Aber.“

Schulz ist auf einem guten Weg. Was er in den nächsten sieben Monaten noch überzeugend vortragen sollte, ist ein politisches Konzept, das vor allem geprägt ist, von Mut zur epochalen Veränderung. Ein Konzept, das den Menschen und seine Zukunft in den Vordergrund stellt und nicht den Wahlausgang. Wir sollten mit ihm reden, statt auf kleinkarierte Fehlersuche zu gehen. Wenn es den Menschen gut geht, geht alles.

Miteinander reden, wie es auf Führungskräfte-Seminaren seit langer Zeit empfohlen wird: Die Betonung liegt auf dem Miteinander. In konstruktiver und kreativer Absicht. Ohne Ansehen der Person und ohne Ausschluss bestimmter Themen. Zukunft gestalten, aber richtig.

Wer das versteht, wird die politische  Alternative sein. Immer und jeder Zeit,  vor allem zu Negativ-Populisten aller Art, zu den Autokraten dieser Welt und den kriegstreibenden Lobbyisten.

Drücken wir alle Martin Schulz die Daumen. In der Hoffnung dass es ihm zahlreiche Politikerinnen und Politiker gleich tun. Der guten  Sache wegen.

Weblinks:

Knut Kuckel

Journalist (Radiojournalismus). Berufliche Stationen: Belgischer Rundfunk (BRF), Südwestrundfunk, SWR, Hessischer Rundfunk (hr).
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