Die Welt/N24 meldet am Nachmittag: Der in der Türkei festgenommene „Welt“-Korrespondent Deniz Yücel bleibt weitere sieben Tage in Polizeigewahrsam. Die Staatsanwaltschaft habe die Verlängerung verfügt, schreibt die „Welt“. Yücel wird unter anderem Terrorpropaganda vorgeworfen. 

„Am Montag teilte die Polizei Yücels Rechtsanwälten mit, dass der Staatsanwalt die Verlängerung des Gewahrsams um weitere sieben Tage verfügt hat“, schreibt die „Welt„. 

„Beim Thema Rechtsstaatlichkeit leidet momentan am stärksten die Pressefreiheit“, sagt ein türkischer Anwalt. Einer der Leidtragenden ist der inhaftierte „Welt“-Korrespondent Yücel. Sein Fall könnte das angespannte deutsch-türkische Verhältnis weiter verschärfen“, sagt Oliver Mayer-Rüth (ARD-Studio Istanbul) in der Tagesschau.

„Deniz Yücel – Journalist auf Seiten der Gegner Erdoğans“ – schreibt Mike Szymanski in der Süddeutschen Zeitung. Yücels Journalismus ist immer auch ein ganz großes: „Trööt!“ Schwierig ist es jedenfalls, sich seinen Stücken zu entziehen. Das dürfte auch den Regierenden in Ankara so ergangen sein. Seitdem die Welt den Dauerraucher 2015 an den Bosporus entsandt hat, arbeitete er sich an Präsident Recep Tayyip Erdoğan und dessen Politik ab.Im aufgeladenen Journalismus der Türkei, der offenbar nur noch Parteinahme für oder Gegnerschaft zu Erdoğan kennt, hat Yücel sich deutlich auf Seiten der Gegner positioniert; der Übergang zum Aktivisten: fast schon fließend. Alles andere dürfte Yücel als feige empfunden haben. Deshalb hatte er sich auch mit den türkischen Journalisten solidarisiert, die reihenweise weggesperrt worden sind. mehr…

Der „Welt“-Reporter Deniz Yücel hatte sich in das Polizeipräsidium in Istanbul begeben, um sich Fragen der Ermittler zu stellen. Er wurde im Zusammenhang mit Berichten über eine Hacker-Attacke auf das E-Mail-Konto des türkischen Energieministers gesucht. Unterstützer haben sich am Sonntag mit einem Autokorso durch Berlin solidarisch mit Yücel gezeigt und sich für seine Freilassung eingesetzt. Die etwa 30 Autos fuhren am Sonntagnachmittag vom Alexanderplatz durch die östliche Innenstadt bis nach Kreuzberg.

Angela Merkel hat sich persönlich in den Fall des „Welt“-Korrespondenten Deniz Yücel eingeschaltet. Die Bundeskanzlerin dringt auf eine faire Behandlung des in Istanbul festgehaltenen Journalisten. Laut ihrem Sprecher Steffen Seibert sprach die Kanzlerin den Fall bei ihrer Begegnung mit dem türkischen Ministerpräsidenten Binali Yıldırım am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz ausführlich an.

Das Auswärtige Amt wendet sich nun mit einem Appell an die Türkei.

„Uns ist bekannt, dass sich der Türkei-Korrespondent der Welt, Deniz Yücel, seit Dienstag wegen eines strafrechtlichen Ermittlungsverfahrens in Istanbul in Polizeigewahrsam befindet“, sagte ein Sprecher des Auswärtigen Amtes in Berlin. „Wir setzen darauf, dass in dem laufenden Ermittlungsverfahren der türkischen Behörden gegen Herrn Yücel rechtsstaatliche Regeln beachtet und eingehalten werden und er fair behandelt wird, gerade mit Blick auf die auch in der Türkei verfassungsrechtlich verankerte Pressefreiheit.“ Natürlich tue man alles, was man könne, um Yücel zu unterstützen. Man sei mit ihm und mit der Redaktion der Welt in Kontakt.

Mehrere Medien berichteten über Inhalte aus den Mails, auch Yücel. In den E-Mails geht es laut Welt unter anderem um die Kontrolle türkischer Medienkonzerne sowie Beeinflussung der Öffentlichkeit durch gefälschte Twitteraccounts. → 20 Gigabyte E-Mails, die Erdogan in Bedrängnis bringen können, Deniz Yücel, Die Welt/N24, 08.10.2016

ZEIT ONLINE schreibt: Schon im Dezember 2016 waren allein im Zusammenhang mit der E-Mail-Affäre um den türkischen Energieminister sechs weitere Journalisten türkischer Medien festgenommen worden, drei von ihnen kamen in Untersuchungshaft. Nach Angaben der Organisation Reporter ohne Grenzen sind derzeit mindestens 48 Journalisten in der Türkei wegen ihrer journalistischen Arbeit inhaftiert. In Dutzenden weiteren Fällen sei ein direkter Zusammenhang der Haft mit der Arbeit als Journalist wahrscheinlich, lasse sich aber nicht nachweisen. Denn oft lasse die türkische Justiz die Betroffenen und ihre Anwälte für lange Zeit über die genauen Vorwürfe im Unklaren. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International zählte im Oktober 2016 insgesamt mehr als 130 Journalisten, die in der Türkei in Untersuchungshaft saßen. Das deckt sich mit der Zahl der türkischen Menschenrechtsplattform BIA: Demnach stieg die Zahl inhaftierter Journalisten in der Türkei von 31 Anfang 2016 auf 131 im Januar 2017. mehr…

Reporter ohne Grenzen (ROG) fordert die türkischen Behörden auf, den deutsch-türkischen Journalisten Deniz Yücel sofort einem Untersuchungsrichter vorzuführen. Der Türkei-Korrespondent der Welt befindet sich nach Angaben des Verlags in Polizeigewahrsam. „Wir fordern ein faires und rechtsstaatliches Verfahren für Deniz Yücel“, sagte ROG-Geschäftsführer Christian Mihr. „Sollte sich herausstellen, dass seine kritische Berichterstattung Grund für die Vorwürfe sind, muss Yücel unverzüglich freigelassen werden.“

„Der Fall Deniz Yücel bleibt in der Schwebe“ – Severin Weiland schreibt in SPIEGEL ONLINE: Bis jetzt gab es keine richterliche Anhörung. Sucht die türkische Justiz nach einem gesichtswahrenden Ausgang? Klar ist: Der Fall Yücel hat alles, um die ohnehin seit langem angespannten deutsch-türkischen Beziehungen weiter zu belasten. Schließlich ist Yücel der erste deutsche Journalist, der seit der Verhängung des Ausnahmezustands im Juli 2016 in Polizei-Gewahrsam genommen wurde. mehr…

Hintergrund: (Quelle: ARD/tagesschau.de) Yücel hatte im Zusammenhang mit der Affäre um gehackte E-Mails des türkischen Energieministers Berat Albayrak – dem Schwiegersohn des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan – zwei Artikel verfasst. Darin wird die Hackergruppe „Redhack“ zitiert, die sich die E-Mails beschafft hatte. Redhack gilt in der Türkei als Terrororganisation. In den E-Mails geht es unter anderem um die Kontrolle türkischer Medienkonzerne und die Beeinflussung der Öffentlichkeit. Über die Mails hatten zahlreiche türkische und internationale Medien berichtet. Die gesamte Korrespondenz wurde auf der Enthüllungsplattform WikiLeaks veröffentlicht. In der Folge wurden türkische Journalisten festgenommen, einige von ihnen sitzen noch immer in Haft. Da Yücel sowohl die deutsche als auch die türkische Staatsbürgerschaft besitzt, ist er aus Sicht der türkischen Behörden ein einheimischer Journalist. mehr…

Yücel ist für die türkischen Behörden kein Ausländer, sondern Türke. Dass er einen deutschen und einen türkischen Pass besitzt, fällt aus Sicht der Regierung in Ankara nicht ins Gewicht. Einheimische Journalisten sind in der Türkei viel stärkerem staatlichen Druck ausgesetzt als ihre ausländischen Kollegen. Allerdings sind auch internationale Korrespondenten nicht mehr vor Verfolgung geschützt. So wurde Ende Dezember der US-Korrespondent des Wall Street Journal, Dion Nissenbaum, in seiner Istanbuler Wohnung von der Polizei abgeholt. Nach zweieinhalb Tagen wurde Nissenbaum wieder freigelassen. Er verließ umgehend mit seiner Familie die Türkei.

„Welt“-Chefredakteur Ulf Poschardt forderte die türkischen Behörden in einer ersten Reaktion auf, keine Untersuchungshaft gegen Yücel zu verhängen: „Unser Korrespondent Deniz Yücel leistet exzellente Arbeit. Die türkische Regierung weist immer wieder darauf hin, dass die Türkei ein Rechtsstaat ist. Darum vertrauen wir darauf, dass ein faires Verfahren seine Unschuld ergeben wird“, sagte Poschardt. Poschardt appellierte zudem an die türkischen Behörden, keine Untersuchungshaft für seinen Korrespondenten zu verhängen. „Deniz Yücel hat seine Bereitschaft gezeigt, an einem rechtsstaatlichen Verfahren mitzuwirken. Das und die Würdigung der Pressefreiheit, wie sie in der türkischen Verfassung festgeschrieben ist, sollten in die Entscheidung einfließen.“

Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) kritisierte die Ingewahrsamnahme Yücels scharf: „Es zeigt, dass Präsident Erdogan versucht, den Ausnahmezustand zu missbrauchen, um unliebsame Berichterstattung unmöglich zu machen“, sagte der DJV-Vorsitzende Frank Überall. „Wir erwarten von der Bundesregierung, dass sie den Fall aufgreift und ihre diplomatischen Kanäle nutzt, um unseren Kollegen zu schützen.“ Das Vorgehen auf türkischer Seite sei eine neue Eskalationsstufe, weil mit Yücel auch die Pressefreiheit in Deutschland angegriffen werde. Schließlich sei die Grundlage der Vorwürfe die Berichterstattung in der „Welt“.

In ZEIT ONLINE ist zu lesen: Nach Angaben des Komitees zum Schutz von Journalisten (CPJ) vom Dezember sind in der Türkei mehr als 80 Reporter im Zusammenhang mit ihrer Arbeit inhaftiert – mehr als das CPJ jemals zuvor in irgendeinem Land verzeichnet hat. Die türkische Regierung dagegen behauptet, solche Festnahmen hätten nichts mit mangelnder Pressefreiheit zu tun. Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu hatte erst in der vergangenen Woche in Madrid laut einem Bericht von El Mundo gesagt: „Es gibt in der Türkei nicht einen einzigen Journalisten, der in Haft sitzt, weil er informiert oder die Regierung kritisiert hat.“ mehr…

„Trump twittert, Erdogan handelt“ – Hubertus Volmer kommentiert für n-tv: Es reicht nicht, den Westen mit rhetorischen Spitzen gegen Donald Trump zu verteidigen. Wer es mit Freiheit und Demokratie ernst meint, muss dem türkischen Präsidenten eine rote Linie aufzeigen. Der deutsche Journalist Deniz Yücel sitzt in der Türkei in Haft. Nach allem, was bisher bekannt ist, darf man annehmen, dass Yücel aus einem einzigen Grund festgenommen wurde: Er hat kritisch über die türkische Regierung berichtet. Sein Fall zeigt, wie skrupellos Präsident Erdogan mittlerweile beim Abbau der Demokratie vorgeht. In Richtung des amerikanischen Präsidenten Donald Trump ist Merkel mehrfach auf subtile Art recht deutlich geworden: Nach seinem Wahlsieg erklärte sie, auf der Basis von Werten wie Demokratie, Freiheit und Respekt vor dem Recht und der Würde jedes Einzelnen werde sie gern mit Trump zusammenarbeiten. Bei Trump ist bislang nur die Sprache totalitär, in der Türkei ist das politische System insgesamt auf dem Weg in Richtung Diktatur. Wäre die Türkei ein Rechtsstaat, säßen dort weder Yücel noch so viele andere Journalisten in Haft. mehr…

„Türken vom Dienst“ – FAS-Kommentar zum Fall Yücel erzürnt Kollegen vom Spiegel-Chef bis zum Zeit-Vize – darüber berichtet MEEDIA. Der Kommentar „Für immer Türkei“ von FAZ Korrespondent Michael Martens in der gestrigen Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung löste eine Welle der Kritik aus. Anlässlich der Verhaftung des Türkei-Korrespondenten der Welt, Deniz Yücel, warf Martens die Frage auf, ob nur Journalisten mit türkischen Wurzeln über die Türkei schreiben können. Vielen Journalisten kritisierten den Text. Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer nannte ihn „infam“, Zeit-Vize Bernd Ulrich schrieb von „Niedertracht“. mehr…

Video-Quelle: Der Fall Yücel, tagesthemen 22:45 Uhr, 19.02.2017, Oliver Mayer-Rüth, ARD Berlin, http://www.tagesschau.de/multimedia/video/video-261591~player_branded-true.html


Knut Kuckel

Journalist + Online-Publizist. Berufliche Stationen: Belgischer Rundfunk (BRF), Südwestfunk (SWF), Baden-Baden, heute Südwestrundfunk, SWR, Hessischer Rundfunk (hr).
Follow @journalistblog

Alle Beiträge

Kommentar hinzufügen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Kommentare werden moderiert. Es kann etwas dauern, bis dein Kommentar angezeigt wird.

Netzwerk

Wir freuen uns auf die Begegnung mit Ihnen...

Aktuell

Timeline

Gerne gelesen

Google +