Kanzlerkandidat Martin Schulz nimmt kein Blatt vor den Mund und wirkt gerade deshalb authentisch - auch bei Journalisten. Doch das birgt Gefahren. Wird er im Wahlkampf so offen bleiben?

Kanzlerkandidat Martin Schulz nimmt kein Blatt vor den Mund und wirkt gerade deshalb authentisch – auch bei Journalisten. Doch das birgt Gefahren. Wird er im Wahlkampf so offen bleiben? 

Der Spiegel diagnostiziert ihm „Machthunger“, die FAZ unterstellt ihm „Populismus“ und dabei hat Schulz in Berlin noch gar nicht richtig losgelegt. 

Berlin sei eben nicht Brüssel, bestätigt auch Rolf-Dieter Krause, ehemaliger Leiter des ARD Studios Brüssel: „Wenn Sie offen sind, legen Sie auch immer Verwundbarkeiten frei. Und ich fürchte ein bisschen, dass er vorsichtiger sein wird. Ich würde es ihm auch raten. Berlin ist schon ein Biotop, da ist die Gehässigkeit sehr viel stärker verbreitet als in Brüssel.“ Matthias Krupa, lange Brüsselkorrespondent von „Die Zeit“ sagt: „Ich glaube, dass der Anteil der Kollegen, die Spaß haben, da personalpolitische Debatten, parteiinterne Debatten durch ihre Berichterstattung voranzutreiben, in Berlin größer ist als in Brüssel. Also insofern irgendeine Art von Skalp zu präsentieren, für irgendeine Art von Aufregung zu sorgen.“ In Berlin werde jeder Halbsatz hin und her gewendet.

„Der Unterschied ist, dass Sie in Brüssel erstens einen internationalen Pressekorps haben, was dann wiederum auch ein bisschen zerfällt in unterschiedliche nationale Öffentlichkeit. Nicht jede Aufregung, nicht jedes Thema, was in Deutschland für Aufregung sorgt, sorgt in Spanien für Aufregung und umgekehrt. Und insgesamt würde ich sagen, ist das Brüsseler Pressekorps etwas weniger hysterisch, etwas weniger an den Nebengeräuschen der Politik, am Personal, an innerparteilichen Fragen interessiert“, so Matthias Krupa.

Noch scheinen viele Journalisten Martin Schulz überwiegend wohlwollend gesonnen zu sein. Zumindest bekam man diesen Eindruck bei der ersten Pressekonferenz am vergangenen Montag. „Jetzt ist die Nachricht: Da ist der neue Heilsbringer, Sankt Martin“, sagt ein Journalist und mutmaßt: „Die Nachricht ist natürlich in drei, vier, sieben Tagen langweilig, also braucht man eine neue. What goes up must come down.“ Ob sich der SPD-Kanzlerkandidat deshalb zurücknehmen wird? Rolf-Dieter Krause sieht darin eine Gefahr: „Ich glaube, dass es seine einzige Chance ist, dass er glaubhaft ist. Es gibt im Grunde auch eine ganze Menge Leute, die nicht wissen, wofür er steht. In Brüssel weiß das jeder, und das muss er jetzt bekannt machen. Und das kann er nur, wenn er deutlich ist.“

Quelle:NDR/ZAPP

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