Da saß das personifizierte Gestern. Jener Menschentyp, der das Rad der Zeit gerne zurückdrehen möchte. Ihm gegenüber das Morgen. Eine Politikerin, geistreich und zugewandt.

45 Minuten lang drehten sich ihre Gespräche um Zukunftsfragen. Alexander Gauland, Vize-Chef der AfD, diskutierte mit Ska Keller, Vize-Präsidentin und Fraktionsmitglied der Grünen im Europaparlament, die Frage „Mehr Deutschland oder mehr Europa – was wollen wir?“ – Besser hätte man die Unterschiede kaum sehen können. Da saß das personifizierte Gestern. 

Jener Menschentyp, der das Rad der Zeit gerne zurückdrehen möchte. Ihm gegenüber das Morgen. Eine Politikerin, geistreich und zugewandt. Als sie sagte, wir Grünen „wollen nicht mehr zurück in die 50er Jahre“, war man als Zuschauer geneigt, in die Runde zu rufen, „Alter Mann – was nun?“ 

Zugegeben, da schwang schon ein wenig Mitleid mit. Bei allem Respekt. Das liegt nicht nur am Altersunterschied der ungleichen Politiker von mindestens 40 Jahren. Das sind vielmehr die Aussagen des Alten, die muffig klingen, ewig gestrig. 

Gauland sagt redundant „Das mögen die Menschen nicht mehr“. Für welche Menschen spricht er? Für die Generation Keller (geboren 1981) oder die Generation Gauland (geboren 1941)?

Was die beiden „verbindet“ ist ihre ostdeutsche Herkunft. Sonst eigentlich nichts. Die 35jährige Ska Keller träumt von einem menschlichen Europa, der 75jährige Alexander Gauland fürchtet sich davor. Ihm scheint das heimische Brandenburg schon zu groß. Für Gauland ist das Europa der Grünen-Politikerin ein Europa der offenen Grenzen, das ihm keinen Schutz mehr bietet, vor den Invasionen“einfallender Menschen, die er nicht gerufen hat. Die ihm fremd sind. Habenichtse. Kulturlose. Verbrecher.

Kellers Europa ist auch nicht fehlerfrei, aber im großen und ganzen sehr weltoffen, friedlich und vor allem menschlich. Auf den Vorwurf, die Grünen seien doch gegen Handelsabkommen wie TTIP oder CETA antwortet sie: Nein. Man sei ganz und gar nicht gegen Handel, nur müsse der fair sein. 

Gauland würde es schon reichen, wenn sich das heutige Europa zurückentwickelte auf eine „Wirtschaftsunion“. Beherrscht von vielen Nationalstaaten. 

Wie passt das, Bitteschön, denn zusammen? – fragt Keller. „Ein erklärter Euro-Gegner wünscht sich eine Europäische Wirtschaftsunion?“

Gauland sagt, was die Grünen (…und Frau Keller) möchten, ist die Weiterführung der 68er Revolution. „Politische Korrektheit, Gender-Mainstreaming, die starke Individualisierung“ und dabei zitiert er Giovanni di Lorenzo, den Politik-Chef der Zeit, der gesagt haben soll, in Deutschland sei „unhintergehbar – dass Ökologische, Weibliche, Schwule und Anti-Autoritäre.“ Das ist eine Eliten-Meinung, so Gauland. »Unhintergehbar« in Deutschland seien für ihn „das Grundgesetz, die deutsche Identität, Geschichte und Tradition“.

Für Gauland sind „Eliten“ politische Feinde. Seit Trumps Wahlerfolg kommt das bei seiner Klientel gut ’rüber. Merkwürdig, sagt Ska Keller, Gauland sei doch selbst Teil dieser Eliten. Jurist, Publizist – zu Hause im reichsten Viertel Potsdams. Früher mal Herausgeber einer Zeitung und aktiv in der Politik (Mitglied der CDU, heute AfD). Im Gegensatz zu ihr somit doch „sehr elitär“.

Ach, schau einer an. Gauland Teil der Lügenpresse? Ja, das stimmt. Seine Biographie ist öffentlich. So ist das bei „Eltiten“:

Alexander Gauland war im Laufe seiner Parteikarriere im Frankfurter Magistrat und im Bundesumweltministerium tätig und leitete von 1987 bis 1991 die Hessische Staatskanzlei unter Ministerpräsident Walter Wallmann, der sein Mentor war. Die Affäre Gauland fand Einzug in die deutsche Literatur. Er wurde nach der Wende Herausgeber der in Potsdam erscheinenden Tageszeitung Märkische Allgemeine und publizierte vielfältig, so auch die Anleitung zum Konservativsein. Zuletzt war er Vordenker des Berliner Kreises.  Gauland ist Gründungsmitglied der Euro-kritischen Wahlalternative 2013 und der daraus hervorgegangenen Partei Alternative für Deutschland (AfD), deren stellvertretender Sprecher er ist. Außerdem ist er Landesvorsitzender der AfD Brandenburg. Nach der Landtagswahl in Brandenburg 2014, bei der er Spitzenkandidat war, wurde er Fraktionsvorsitzender seiner Partei und Alterspräsident im Landtag Brandenburg. Quelle: Wikipedia 
Ob das „die da unten“ bei der AfD alles wissen? Zurück zur phoenix-Sendung „Unter den Linden“. Genderwahn sei für ihn, Gauland, ein Obama-Gesetz, das es Menschen, die sich „weiblich fühlten“, gestatte, auf eine Toilette ihrer Wahl gehen zu dürfen. „Ja sind wir da oben noch ganz dicht?“ Und ergänzt wiederum „Diese Art von Politik wollen viele Menschen nicht.“

„Jetzt wollen Sie den Menschen in Amerika noch vorschreiben“, erregt sich Ska Keller, „wo sie aufs Klo gehen dürfen.“ Ihr sei im Zusammenhang mit der Genderdebatte wichtiger, über die Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen zu reden. „Der liegt noch immer bei 20 Prozent.“

Alexander Gauland verkörpert eine Politik, die sich niemand wünschen mag, der ein selbstbestimmtes Leben schätzt. Der Sachse Gauland ist in einer Zeit groß geworden, als das Leben der Menschen in Deutschland noch schwarz-weiß war. Dieses Deutschland roch nach Braunkohle, Denunziation – nach Menschenverachtung und Kleiderordnung. Statt sich darüber zu freuen, dass seit der Wiedervereinigung nicht nur Freiheit, saubere Luft und Farbe sein Leben bereichern, redet er der »Pegida-Generation« das Wort. Zieht die deutsch-nationale Karte.

Sollten ihn eines Tages Selbstzweifel plagen und ihm die Frage in den Sinn kommen, „Alter Mann – was nun?“, möge ihm spontan einfallen, ruhe dich aus. Bitte. Du schaust auf ein bewegtes Leben zurück, lieber Alexander. Jetzt bist du 75, schon bald 76 und magst Dir deshalb weniger Gedanken um die Zukunft jüngerer Menschen machen. Die sollen das jetzt mal in eigener Verantwortung machen. Schließlich geht es um ihre Zukunft. Also, überlasse denen die Politik, die auch noch morgen in dieser Welt in Anstand (oder wie auch immer) leben wollen. 

Die Generation Gauland hat zu keiner Zeit gezeigt, dass sie es besser kann. Das ist öffentlich belegt. Warum sollten wir ausgerechnet heute ihre Empfehlungen ernst nehmen? Es sei denn – sie sagten – in der Politik sollte niemand mehr nach hohen Ämtern streben, der innerhalb einer Legislaturperiode das Alter des Papstes erreichen könnte. Das amtierende Oberhaupt der katholischen Kirche ist schon 79 Jahre alt. Der Vertreter Gottes auf Erden lebt bekanntlich in uns fremden Dimensionen. In seinem Beruf gibt es keine Altersgrenze. Allenfalls eine selbstauferlegte.

Knut Kuckel

Journalist (Radiojournalismus). Berufliche Stationen: Belgischer Rundfunk (BRF), Südwestrundfunk, SWR, Hessischer Rundfunk (hr).
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2 Kommentare

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  • Den medialen Auftritt beherrscht er ja noch einigermaßen gekonnt. Alte Schule, Wallmann & Co. Ich hätte mich verneigt, wenn er in der Sendung verkündet hätte, sich dafür stark zu machen, aus politischen Ämtern vor dem Erreichen des Greisenalters auszuscheiden. Keine Frage – nicht ohne mit gutem Beispiel voran zu gehen. Gauland verleiht der AfD ein graues Aussehen. Schafft das niemand mehr, heutzutage Platz für Jüngere zu machen? Genau das ist nämlich für viele der Grund, „die da oben“ nicht mehr ernst zu nehmen. Ich bin selbst schon Ende 60 und darf so etwas – weiß Gott – sagen.

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