Mit seiner Beschwerde beim deutschen Botschafter über einen Satire-Beitrag in "extra3" hat sich Recep Tayyip Erdoğan zum Gespött im Netz gemacht.

Das Netz überschüttet Erdoğan mit Spott. Mit seiner Beschwerde beim deutschen Botschafter über einen Satire-Beitrag in der NDR-Sendung „extra3“ hat sich der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan zum Gespött im Netz gemacht. „Erdogan poltert, Berlin reagiert. Die harsche Reaktion Erdogans auf die NDR-Satire zeugt von fehlender Größe“, meint Reinhard Baumgarten in der ARD-Tagesschau. Pressestimmen. 

Journalisten in Handschellen, Tränengas gegen Demonstranten und ein sich in Rage redender „Boss vom Bosporus“ alias Präsident Recep Tayyip Erdogan. Dazu die Klänge von Nenas Superhit „Irgendwie, irgendwo, irgendwann“ und Textzeilen wie: „Ein Journalist, der irgendwas verfasst, was Erdogan nicht passt, ist morgen schon im Knast.“

Wegen des satirischen Songs „Erdowie, Erdowo, Erdogan“ ließ der türkische Ministerpräsident am vergangenen Dienstag den deutschen Botschafter in Ankara einbestellen. In dem Video nehmen die Journalisten von extra 3 Erdogans Politik aufs Korn: die eingeschränkte Pressefreiheit in der Türkei, Erdogans autokratische Machtpolitik, seinen Umgang mit Kritikern. „“Wenn man schießt und jemand schreit ‚Aua‘, dann haben wir alles richtig gemacht“, meint extra-3-Redaktionsleiter Andreas Lange zu dem Vorfall. „Wir machen das nicht des Quatsches wegen, sondern weil es wichtig ist, die Dinge anzusprechen“.

Lange ist Autor und Redakteur des Liedes „Erdowie, Erdowo, Erdogan“ und hätte, wie er sagt, es sich nicht träumen lassen, welche Wellen sein Video schlagen sollte. Die Redaktion hatte „eigentlich eine entspanntes Osterwochenende verlebt“, bis sie nebenbei auf Twitter mitbekamen, dass es Meldungen zu ihrem Beitrag gab.

In dem Satire-Film des NDR ist der bekannte türkische Journalist Ahmet Sik zu sehen, der 2011 wegen einer angeblichen Mitgliedschaft in dem Geheimbund „Ergenekon“ festgenommen wurde und ein Jahr in Untersuchungshaft saß. Can Dündar – Chefredakteur der regierungskritischen „Cumhuriyet“ – ist heute in einer ähnlichen Situation. Ihm und dem Hauptstadt-Büroleiter Erdem Gül drohen lebenslange Haft, unter anderem wegen „Spionage“ und Unterstützung einer Terrororganisation.

Offiziell hat der NDR bisher nichts von dem Vorgang in der Türkei erfahren. „Bei uns ist bisher keine Beschwerde eingegangen“, so der Chefredakteur des NDR Fernsehen, Andreas Cichowicz. „Dass die türkische Regierung wegen eines extra-3-Beitrags offenbar diplomatisch aktiv geworden ist, ist mit unserem Verständnis von Presse- und Meinungsfreiheit nicht vereinbar. In Deutschland ist politische Satire erfreulicherweise erlaubt. Darunter fällt auch der extra-3-Beitrag.“

Am Nachmittag informiert Tagesschau.de zum derzeit aktuellen Sachstand: „Nach langem Schweigen hat die Bundesregierung die Kritik des türkischen Staatspräsidenten Erdogan an einer Satiresendung offiziell zurückgewiesen. Doch nur über den Staatssekretär. Für ein Gespräch mit Merkel sehe man keinen Anlass. Der türkische Präsident erntete in Deutschland einhellig Kritik für seine diplomatische Reaktion auf den Satire-Beitrag. Unterstützung kommt auch von der EU, die die mehrfache Einbestellung Erdmanns durch die Türkei rügte. Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker sei der Meinung, dass sich die Türkei durch dieses Vorgehen eher von der EU wegbewege denn auf sie zu, sagte eine Sprecherin in Brüssel.“

Zeit-Online Reaktionen auf NDR-Satire: Mit Unverständnis haben deutsche Journalisten darauf reagiert, dass die türkische Regierung sich beim deutschen Botschafter in Ankara über einen Satirebeitrag des Norddeutschen Rundfunks beschwert hat.

Der DJV-Vorsitzende Frank Überall sagte: „Der türkische Machthaber Erdoğan hat offenbar die Bodenhaftung verloren.“ Wenn er wegen einer Satire „den deutschen Botschafter in den Senkel stellt, haben die Macher von extra 3 ins Schwarze getroffen. Glückwunsch dazu!“ Über das berechtigte Gelächter in sozialen Netzwerken dürfe aber nicht übersehen werden, dass „die Verfolgung kritischer Journalisten in der Türkei bittere Realität ist“.

Für taz.de kommentiert Auslandskorrespondent Jürgen Gottschlich: Das sind „Massive Eingriffe in die Pressefreiheit. Die Pressefreiheit wird behindert. Was hier lächerlich wirken mag, ist konsequente Einschüchterungsstrategie in der Türkei. Nun muss die EU handeln. Täglich sichten ganze Anwaltsteams im Auftrag des Staatspräsidenten Zeitungen, Twitter-Nachrichten, Videos und Fernsehsendungen, um anschließend Strafanzeigen wegen Beleidigung des Staatsoberhaupts zu verschicken. Diese Klagen sind mittlerweile Routine und ein probates Mittel, missliebige Publikationen in den Ruin zu treiben oder aber Individuen einzuschüchtern. Was in Deutschland lächerlich wirken mag, ist in der Türkei eine konsequente Strategie der Einschüchterung.“

Reinhard Baumgarten aus dem ARD-Studio Istanbul kommentiert: „Mehr als 1800 Anzeigen sind in den vergangenen Monaten in der Türkei wegen Präsidentenbeleidigung erstattet worden – angezeigt wurden auch Minderjährige. Ist es der Glaube an die eigene Unfehlbarkeit? Ist es der Anspruch der Unantastbarkeit? Der türkische Präsident setzt mehr und mehr die Maßstäbe für das, was als richtig und falsch zu gelten hat in seinem Reich. Am Wochenende hat er sich mehrfach öffentlich darüber erregt, dass westliche Diplomaten einem Gerichtsverfahren beigewohnt haben. In dem Prozess geht es laut Anklage um Spionage. In dem Prozess, so die Botschaft der Diplomaten, geht es auch um Meinungs- und Pressefreiheit.“

n-tv: Humor ist, wenn man trotzdem lacht – auch, wenn dem türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdoğan nach seiner Beschwerde über die NDR-Show „extra3“ das Lachen vergangen sein mag. Nachdem bereits der Deutsche Journalisten-Verband mit Verwunderung auf die Forderung Ankaras reagiert hatte, den Beitrag über Erdoğan sofort zu löschen, überboten sich auch die Nutzer auf Twitter mit höhnischen Kommentaren. „Wir brauchen keinen Humor! Wir brauchen mehr Stroh!“, schrieb einer unter dem Hashtag #Erdogan.“

„Erdoğan hat den Spott verdient“, kommentiert Stefan Ulrich in SZ.de. „Gerade hat ein deutscher Fernsehsender die Humorphobie des Präsidenten aufs Korn genommen und den „Protz vom Bosporus“ verspottet. Daraufhin ließ Erdoğan den deutschen Botschafter ins türkische Außenministerium einbestellen und ein Verbreitungsverbot des Filmchens fordern. Zum Lachen? Erdoğan meint es ernst. Er ist nicht der Einzige. In vielen Ländern schwindet die Toleranz, werden Satiriker und Humoristen verfolgt und die Meinungsfreiheit in Ketten gelegt. Dies geschieht in Russland und China, Iran und Ägypten oder mitten in Frankreich, wo islamistische Terroristen vergangenes Jahr die Satirezeitschrift Charlie Hebdo heimsuchten. Die Botschaft soll lauten: Satire darf gar nichts.“

Oliver Georgi kommentiert in FAZ.de: „Der türkische Präsident Erdogan fordert den Stopp einer deutschen Satiresendung, weil sie ihm zu kritisch ist. Und die Bundesregierung? Ihr Schweigen nährt die Befürchtung, Europa könne sich in der Flüchtlingskrise von Ankara erpressbar machen. Das Schweigen aus dem Kanzleramt und dem Außenministerium ist nicht nur fatal, es ist verheerend. Zu Recht sehen die Kritiker des EU-Türkei-Abkommens in der Flüchtlingskrise jetzt ihre schlimmsten Befürchtungen wahr werden: Dass Deutschland, dass die Europäische Union sich mit dem dringend benötigten Deal erpressbar gemacht hat.“

„Erdogan tut, was ein Erdogan tun muss“, so Istanbul-Korrespondent Raphael Geiger in stern.de. „Vieles stimmt, was in den deutschen Medien über ihn steht, vieles ist dran an der Kritik. Nur spricht Erdogan nicht zum deutschen, sondern zum türkischen Publikum. Die Türkei ist ein Land mit anderen Dynamiken, allein mit europäischem Denken kann man es nicht begreifen. Erdogan will stark wirken, und seine Anhänger wollen ihn stark sehen. Die „extra 3″-Satiriker sind ihm wirklich egal, sie erlauben ihm nur, sich zu präsentieren. So, wie er gesehen werden will, und so, wie ihn viele lieben.“

„Erdowie, Erdowo, Erdoğan“ – das satirische Lied einer NDR-Sendung findet der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan gar nicht lustig. Im Gegenteil: „Er fühlt nicht nur sich beleidigt, sondern die ganze Nation“, sagt Türkei-Experte Hüseyin Bagci im ZDF-heute journal.

Das sieht auch ZDF-Korrespondent Luc Walpot so: „Seit klar ist, dass die EU die Türkei braucht, um das Flüchtlingsproblem einzudämmen, seitdem glaubt auch Erdoğan, dass ihm von Europa zumindest kein Druck mehr droht und deswegen fühlt er sich immer ungehemmter in Inneren, aber offenbar auch im Äußeren.“

Hasnain Kazim schreibt in Spiegel-Online: „Der türkische Präsident Erdogan duldet keine Kritik, weder von Demonstranten noch von Journalisten. Jetzt fühlt er sich von Diplomaten angegriffen – besonders heftig trifft Erdogans Reaktion den deutschen Botschafter. Der Vorgang sagt einiges aus über das türkische Verständnis von Pressefreiheit: Offensichtlich glaubt die Regierung, ein deutscher Botschafter könnte Einfluss nehmen auf die Programmgestaltung eines Fernsehsenders.“

Die Redaktion von extra 3 ließ sich jedenfalls nicht einschüchtern. Sie machte Erdogan auf ihrer Twitter-Seite zum „Mitarbeiter des Monats“.

extra 3 NDR"Mitarbeiter des Monats", Infografik: Journalisten-bloggen.de/Screenshot NDR/extra 3
extra 3 NDR“Mitarbeiter des Monats“, Infografik: Journalisten-bloggen.de/Screenshot NDR/extra 3

So viel Freiheit können sich Journalisten in der Türkei kaum noch ungestraft leisten. Vergangenes Jahr wurden zwei Zeichner der Satire-Zeitschrift „Penguen“ wegen Beleidigung Erdogans zu Geldstrafen verurteilt. Sie sind bei weitem nicht die einzigen, gegen die solche Anschuldigungen erhoben werden. Nach Angaben des Justizministeriums wurden seit Erdogans Wahl zum Staatspräsidenten im August 2014 mehr als 1800 Verfahren wegen Präsidentenbeleidigung eröffnet.

Kaspar Koller

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