Die AfD ist nicht erst seit den Länderwahlen in allen Medien gut positioniert. Frauke Petry Superstar. In allen Talkshows, Leitartikeln, Reportagen oder Kolumnen. Die AfD-Obere genießt ihre zum Teil überproportionale Medienpräsenz. Erst recht nach den Landtagswahlen am 13. März. Attackieren, diskutieren oder ausgrenzen: Wie sollten Medien mit der AfD umgehen? 

„Diese Wahl hat gezeigt, dass die Bürger die Parteien abgestraft haben“, sagt Frauke Petry bei Maybritt Illner und freut sich über die 24,2 Prozent, auf die es ihre Partei in Sachsen-Anhalt gebracht hat. Auf die Frage, ob sie sich als Gewinnerin an diesem Super-Wahlsonntag sieht, sagt sie mit zweifelhafter Bescheidenheit, dass nicht ihre Partei gewonnen hat, sondern die Bürger.

Giovanni di Lorenzo (DIE ZEIT) mahnt in der Talkrunde: „Ein großer Teil der Bevölkerung muss von der Politik wieder abgeholt werden. Die sind in den letzten sechs Monaten mit ihren Fragen, ihren Ängsten und Befürchtungen allein gelassen worden.“

CDU-Generalsekretär Peter Tauber bei Maybrit Illner zu Frauke Petry: „Das machen Sie sehr geschickt und sehr subtil, dass Sie alle anderen vereinnahmen wollen. Aber 75 Prozent der Wähler wollen nichts mit Ihnen zu tun haben.“

„Gerade weil die Partei bei den drei Landtagswahlen so sensationell abgeschnitten hat, knüpft sich daran die Hoffnung, ein derartiger Erfolg werde nicht von Dauer sein – er sei Ausnahmeergebnis in einer Ausnahmesituation“, schreibt DIE ZEIT in ihrer aktuellen Ausgabe.

Die Zeit-Autoren Matthias Geis und Gero von Randow: „Doch auch für den Fall, dass diese Prognose sich nicht erfüllt, dass also auch die deutschen Parteien es auf Dauer mit einer rechten Konkurrenz zu tun bekommen, kursiert im politischen Berlin schon eine abgeklärte Einordnung des Geschehens: Der Erfolg der AfD sei eine Normalisierung. Überall in der europäischen Nachbarschaft hätten sich rechtspopulistische Parteien etabliert, jetzt werde auch die Bundesrepublik von diesem Trend erfasst.“

Bei ZAPP, dem NDR-Medienmagazin, ist die AfD und ihr Verhältnis zu den Medien ein Dauerthema. Mit Schlagzeilen wie diesen: „Die AfD und die Journalisten – ein Lernprozess“, „AfD: Wie viel Presse erlaubt die Partei?“, „AfD: Zwischen Presseball und »Lügenpresse«“ und mehr.

Am jüngsten Wahlabend hätten sich viele Reporter offenbar innerlich umgestellt von Kampf- auf Verständigungsmodus, heißt es in ZAPP, drei Tage nach den Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt. Kollegen werden befragt.

„Journalisten sollten nicht versuchen, „die AfD zu besiegen“, oder deren „Weltbild zu widerlegen“, so ZDF-Reporter Thomas Bärsch. Es gibt nun mal unterschiedliche Standpunkte.“, Bärsch hofft, dass alles einfacher wird, wenn die parlamentarische Arbeit beginnt. Für Andreas Franz vom MDR geht es unter anderem darum, ganz konkrete Vorhaben der AfD näher zu beleuchten und da „ein paar Mal ganz konkret nachzufragen“.

Hagen Eichler von der „Magdeburger Volksstimme“ meint: „Es gibt so einen weit verbreiteten Wunsch, diese Partei gäbe es gar nicht und dem darf und kann man nicht nachgeben. Man muss akzeptieren, dass es diese Partei gibt, man muss sie professionell begleiten. Und man muss sich sicher sein.“

Ein Team der NDR Redaktion „extra 3“ wird trotz Akkreditierung zunächst nicht zugelassen zur Wahlparty.

»Lügenpresse« heißt das Wort, mit dem AfD und Pegida ihren Hass auf die Medien herausschreien. „Die Presse hat sich schon immer mitschuldig gemacht. Bei Hitler, Kaiser Wilhelms Zeiten oder heute“, sagt ein älterer AfD-Anhänger in Hamburg. Er meint „verkommener Journalismus“ sei besser als »Lügenpresse«.

Alles klingt irgendwie ähnlich, wenn man versucht, am Rande solcher Veranstaltungen mit AfD-Leuten ins Gespräch zu kommen. Die „Öffentlich-Rechtlichen“ sind im AfD-Jargon „Propagada- oder Staatsmedien“. Wie „in der alten DDR oder in Putins Russland“.

Jemand beschimpft einen Kollegen. „Sie sind ein Linker!“ Spätestens seid Pegida habe man das Vertrauen in die Medien verloren. Es käme immer wieder vor, dass sich Journalisten unter falschem Namen unter das Volk mischten, um sie als Nazis vorführen zu können. „Ich traue euch nicht. Was ihr macht ist manipulativ.“

Wenn da ein Partei-Nobody ins NDR-Mikrofon flötet, „Ich gebe keine Interviews“, klingt das noch harmlos. Der Ton wird zwischen Journalisten und AfD-Leuten zunehmend rauer. Anscheinend wissen alle AfD-Anhänger, was die Medien so falsch machen.

Selbst konservative Medien sind nicht vor radikaler Kritik gefeit: Als die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS) Ende November die Melange aus AfD und Pegida als eine „neue völkische Bewegung“ charakterisierte und vor dem „Nukleus einer Bürgerkriegspartei“ warnte, waren dem Blatt wüste Beschimpfungen aus den Reihen der AfD sicher. Dass die konservative FAS die AfD-Führung als „Brandstifter“ bezeichnete, traf viele Parteianhänger schwer.

Das sei „linksfaschistische Propaganda und Hetzjournalismus auf niedrigstem Niveau“, so AfD-Chefin Petry auf Twitter.

Seit der Entmachtung Luckes sind sich die Medien darum relativ einig: Die AfD schürt Ängste und Hass und trägt ein Gedankengut in die Bevölkerung, das zu Spaltung und Gewalt führen kann. Petry wehrt sich gegen diese Vorwürfe: „Ich möchte darum werben, dass wir in beide Richtungen miteinander gelassener umgehen“, sagt sie. Die AfD nerve manchmal und sei unbequem, doch es brauche eben eine mutige Opposition, damit der „Einheitsbrei“ der Parteien aufbreche.

Ihr Tipp für die Journalisten: Sie sollten das Ganze doch mit etwas Humor nehmen. Petry macht es vor: Fortan will sie nicht mehr von „Lügenpresse“, sondern nur noch von „Pinocchiopresse“ sprechen. Wie Pinocchio sollen die Journalisten zur Wahrheit zurückfinden.

Wie aus einer Erhebung des Meinungsforschungsinstituts Forsa im Auftrag der „Frankfurter Neuen Presse“ hervorgeht, denken rund 40 Prozent der Befragten, dass der rechtspopulistischen Partei zu viel Beachtung geschenkt wird. 36 Prozent halten den Umfang der Berichterstattung für „gerade richtig“. Nur 17 Prozent sagten, es werde zu wenig über die AfD berichtet, darunter seien laut Forsa-Chef Manfred Güllner überwiegend AfD-Anhänger. An der Umfrage nahmen 1009 Menschen teil.

Güllner im Handelsblatt: „Die AfD speist sich aus einem braunen Bodensatz, der immer da ist.“ Deshalb sollte man auch nicht den Fehler begehen und sie hofieren. „Wenn man die AfD salonfähig macht, treibt man ihnen Wähler zu.“

Man mag keine „rechtspopulistische Partei“ mehr sein. Und doch ist der Nazi-Jargon bekannter AfD-Redner unüberhörbar. Das deutsche Volk, Überfremdung, Volksverräter – solche Begriffe fallen scheinbar auf jeder AfD-Demo. Beispiele.

  • Markus Frohmaier, Bundesvorsitzender der Jungen Alternative (JA):
    „Ich sage diesen linken Gesinnungsterroristen, diesem Parteienfilz ganz klar: Wenn wir kommen, dann wird aufgeräumt, dann wird ausgemistet, dann wird wieder Politik für das Volk und nur für das Volk gemacht – denn wir sind das Volk, liebe Freunde.“
  • Frauke Petry, AfD-Bundesvorsitzende:
    „Die deutsche Politik hat eine Eigenverantwortung, das Überleben des eigenen Volkes, der eigenen Nation sicherzustellen.“
  • Alexander Gauland, Brandenburg-AfD-Chef:
    „Es wird Zeit, dass wir das Schicksal des deutschen Volkes, damit es ein deutsches Volk bleibt, aus den Händen dieser Bundeskanzlerin nehmen.“
  • Björn Höcke, Thüringens AfD-Vorsitzender:
    „Erfurt ist … schön … deutsch! Und schön deutsch soll Erfurt bleiben!“

Höcke gilt als Gallionsfigur des nationalistischen Flügels der Partei. Die AfD-Bundesspitze ist inzwischen zu Höcke auf Distanz gegangen. Die Partei ist in zwei Lager gespalten. Da gibt es die Rechts-Konservativen und die Rechts-Extremisten.

Ohne die Flüchtlingskrise wäre der Erfolg der AfD nicht vorstellbar. Mit Blick auf die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt schreiben die Zeit-Journalisten Matthias Geis und Gero von Randow: „Zwar sind 20 Prozent ein beunruhigendes Ergebnis für eine rechte Partei. Aber erst wenn die restlichen 80 Prozent sich nach ihr richten, wird es bedrohlich.“

Die AfD ist im Aufschwung. Das haben nicht nur die Landtagswahlen gezeigt. Auch beim neuen Stern-RTL-Wahltrend kommt sie auf ihren bisher höchsten Wert. Im Vergleich zur Vorwoche legt sie bundesweit um einen Prozentpunkt zu und liegt nun bei 11 Prozent (Stern-RTL-Wahltrend, Die AfD ist im Höhenrausch, n-tv).

Michael Lühmann schreibt in „der Freitag“: „Guter Journalismus hilft. In vielen Medien herrscht immer noch eine gewisse Hilflosigkeit im Umgang mit der AfD. Mit moralischer Empörung oder gar dem Ausschluss von den öffentlich-rechtlichen Wahlsendungen wird man der Partei aber nicht Herr werden. Man kann dem Populismus der AfD etwas entgegensetzen – aber nicht indem man alles immer nur auf wenige Personen zuspitzt.“

Knut Kuckel

Journalist + Online-Publizist. Berufliche Stationen: Belgischer Rundfunk (BRF), Südwestfunk (SWF), Baden-Baden, heute Südwestrundfunk, SWR, Hessischer Rundfunk (hr).
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1 Kommentar

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  • Die AfD ist eine rechtsextreme Partei. Sie zu tabuisieren wäre falsch. Sie wird voraussichtlich mittelfristig zweistellige Ergebnisse erzielen. Da bringt es nichts, ihre Wähler auszugrenzen. Das macht die Partei nur stärker. Offensiv argumentieren, wäre meine Empfehlung.

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