Pegida und ich: Martin Machowecz schreibt zum Thema Pegida in ZEIT ONLINE „Jenes Ostdeutschland, für das Pegida steht, hatte ich verdrängt. Vor Pegida habe ich den Osten verklärt. Ich habe mich in den vergangenen Jahren von einer „Hurra, die neuen Länder“-Stimmung anstecken lassen, die sicherlich ihre Berechtigung hatte. Der Osten hat die harten Zeiten hinter sich, dachte ich. Ein schöner Selbstbetrug. Pegida ist mein großer Kopfschmerz, nach dem Rausch der letzten Jahre.“ 

Quelle: Zeit Online, 4. Februar 2015, Ostdeutschland, Pegida und ich, von Martin Machowecz

Ein paar nicht-repräsentative Leser-Kommentare zum Beitrag von Martin Machowecz (Quelle, s.o.):

  • Die Pegida Sprüche und Parolen können Sie auch in den Städten und besonders ländlichen Regionen Westdeutschlands hören. Ich würde deshalb auch in diesem Fall die Ossi/Wessi Unterscheidung sein lassen und schäme mich / ärgere mich / bin wütend über diese nationalitisch-egoistisch dummen Parolen die in vielen Regionen Deutschlands zu hören und zu lesen sind!
  • Es war herrlich die angstreaktionen der politiker vor der geballten meinung der strasse zu sehen.diese demonstrationen waren nun mal eine legitime demokratische regung,die aber den regierenden zu weit ging.so viel demokratie wollten diese denn doch nicht.
  • Fremdenfeindlichkeit ist kein ostdeutsches Phänomen. Dieses Mal war Dresden der Ursprung von Protesten, zu BRD Zeiten hatten wir zeitweise NPD und Republikaner in verschiedenen Landtagen. Und z.B. in Frankreich wählen ca. 20% Marie LePen.
  • Ich denke auch, dass Pegida viel mit der Ex-DDR zu tun hat. Interessanterweise befinden sich auf den FB-Seiten vieler Pegida-Anhänger DDR-Embleme und sonstiger Nostalgie-Junk. Allerdings ist die Pegida auch und vor allem ein Problem, das ganz speziell aus Sachsen kommt und wohl auch sehr viel mit Dresden zu tun hat, wie man an der dortigen CDU sehr gut erkennen kann.
  • Pegida ist die Frau, die mich auf dem Spielplatz unwirsch dazu auffordert mit meiner Tochter deutsch zu reden, da wir in Deutschland leben!
  • Und welche Menschen sind einheimisch? Dürfen das auch Leute mit Migrationshintergrund für sich beanspruchen oder wieder nur die „echten“ Deutschen?
  • Gegen die Anderen, gegen die, die nett von den anderen berichteten und gegen die Lügner, die ihm seine Welt ruinierten. Es tat gut. Er fühlte sich stärker in der Gemeinschaft. Man beachtete ihn. Er war jemand, der im Abendwind Wirkung zeigen konnte. Und er hatte endlich das Gefühl, es den Gewinnern mal zeigen zu können…
  • Es gerät etwas in Bewegung, und ich teile die Hoffnung, daß das Ergebnis ein besserer, demokratischerer Osten sein wird.

Zu diesem sehr launig geschriebenen Beitrag von Martin Machowecz gehen solche und andere Kommentare im Minutentakt ein. Inzwischen sind es schon über 330 Kommentare. Mein Kommentar zum Thema war so ungefähr der 300-und-x-te:

Jakob Augstein hat in einer seiner Kolumnen diese provokante Frage in den Raum gestellt. Wer ist der „hässliche Deutsche“ nun wirklich, Ostdeutscher? Es gibt ihn überall. Mal tritt er als Grieche auf, mal als Franzose, Österreicher, Engländer, neuerdings auch als Spanier oder Belgier.

Der „hässliche Mensch“, um bei diesem Bild zu bleiben, ist auch rechtspopulistisch. Er bejubelt die Afd, Italiens rechtspopulistische Lega Nord, die österreichische FPÖ oder den französischen Front National.

Bei all den inzwischen ermüdenden Debatten über „Pegida“ glaube ich heraus zu hören, dass die sogenannten „Pegidisten“ ein gemeinsames Problem haben. Das ist ein Verständnis-Problem.

Wie funktioniert Demokratie? – Wenn ich frustiert bin, ist das aus meiner persönlichen Sicht schon ein bedenklicher Zustand, der in meinem Fall selten vorkommt. Aber sollte ich meinen Frust in die Öffentlichkeit tragen, habe ich ein Charakterproblem. Noch schlimmer: Dritte für meine Frustrationen verantwortlich zu machen, ist schamlos. Tut mir leid.

Schlimmer als in den vergangenen Wochen geht es nicht mehr. Wenn es mir schlecht geht, ist das ein persönliches Problem. „Die Politiker“, „die Lügenpresse“, „die Ausländer, „die Anders- oder Überhauptgläubigen“ sind für keinen der als „Pegidisten“ getarnten Kleinstbürger verantwortlich.

Wenn ich aus einem Nachbarland den absurden – weil unverständlichen – Aufmärschen (überwiegend in ostdeutschen Metropolen) folge, ist mir das nicht nur peinlich. Ich schäme mich.

„Mein Ostdeutschland“, „Dein Westen“ – hört doch auf, Euch so klein zu machen. Hallo? Aufwachen und etwas selbstbewusster durchs Leben gehen.

Im gefühlten Mittelalter gab es einen Kalenderspruch. „Jeder ist seines Glückes Schmied“. Auch wenn uns Sprüche nicht unbedingt weiterhelfen, über den sollte – wer sich frustiert fühlt, nachdenken. Jeder für sich und nicht auf der Straße. Denn das ist mehr als kleinbürgerlich.

Knut Kuckel

Journalist (Radiojournalismus). Berufliche Stationen: Belgischer Rundfunk (BRF), Südwestrundfunk, SWR, Hessischer Rundfunk (hr).
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