„Am Tag nach dem Massaker bei Charlie Hebdo war ich von Trauer so überwältigt, dass ich mich aufmachte zum Ort des Geschehens. Auf dem Weg blieb ich am Boulevard Richard-Lenoir stehen, wo Menschen Blumen abgelegt haben, zum Gedenken an Ahmed Merabet, dem muslimischen Polizisten, der von seinen Angreifern niedergeschossen wurde, während er noch um Gnade bat“, schreibt der Illustrator Jean-Philippe Delhomme in seinem „Pariser Tagebuch“ für das ZEIT MAGAZIN (Ausgabe Nr. 3, vom 15. Januar 2015). 

Die Grafik zu diesem Beitrag zeigt einen kleinen Ausschnitt seiner Arbeit „Boulevard Richard-Lenoir“. Gewidmet „…dem Respekt vor der Zerbrechlichkeit des Lebens und dem, was Menschen verbindet.“

Nach den Terroranschlägen von Paris war die Welt ein paar Tage vereint unter dem Slogan „Je suis Charlie“, schreibt die Süddeutsche Zeitung in ihrer Online-Ausgabe am 14. Januar dieses Jahres. Vielleicht wird ja dieser Slogan über die Zeit hinaus ein Weckruf für eine Kultur der Menschlichkeit? Denn „in den Chor der Solidaritätsbekundungen für die Opfer von Paris mischen sich auch verdächtige Töne“, schreibt Giovanni di Lorenzo für DIE ZEIT (Ausgabe Nr. 3, vom 15. Januar 2015). Die aktuelle Wochenzeitung widmet der Auseinandersetzung mit dem „diabolischen Terror von Paris“ ihre ersten 15 Seiten.

„Die Anschläge von Paris treffen Europas Gesellschaften ins Mark“, schreibt Die Furche, das schlankere Pendant der ZEIT in Österreich und weiter: „Schnelle und einfache Erklärungen greifen jedoch zu kurz.“

Auch zehn Tage nach den Anschlägen von Paris setzen sich die Medien weltweit mit den Hintergründen auseinander. Mut beweisen die Kollegen der französischen Libération, die der Charlie Hebdo-Redaktion Asyl gewähren. Mut ist auch in der öffentlichen Auseinandersetzung mit jenen gefordert, die sich bestätigt fühlen.

Der österreichische Journalist Otto Friedrich schreibt für Die Furche „Europa rettet seine Seele nicht, indem es sich vor dem Islam abschottet. Christen tragen zu dessen ‚Seelenfindung‘ bei, wenn sie Parolen von PEGIDA & CO wiederstehen.“ Mit den Pegida-Parolen wird in Österreich schon lange Politik gemacht, meint Friedrich in seinem Leitartikel „Winke mit dem Zaunpfahl“ (Die Furche, 8. Januar 2015).

Aus dem Büro der Süddeutschen Zeitung in Berlin schreibt Hannah Beitzer: „Anfang 2015 bekommt der hässliche Deutsche ein neues Gesicht. Er ist jetzt Dresdner. Seit einigen Wochen demonstrieren in der sächsischen Hauptstadt selbsternannte „patriotische Europäer“ gegen eine angebliche „Islamisierung des Abendlandes“. Die Kollegin findet „Nein, Dresden gibt kein gutes Bild ab gerade, die parallel stattfindenden Gegendemonstrationen bleiben zahlenmäßig weit hinter Pegida zurück.“

„Man kann“, schreibt der Wiener Furche-Redakteur Otto Friedrich, „Angela Merkel sei Dank, zumindest bis jetzt sehen, dass die Politik dem Lockruf einfacher Rezepte und simpler Welterklärungen nicht nachgeben muss. Hoffentlich bleibt das so.“

Es ist gut, „wenn auch die deutsche Regierung Signale gibt, sie wolle den eingebildeten heiligen Kriegern mit neuer Entschlossenheit zu Leibe rücken“, schreibt Giovanni di Lorenzo (DIE ZEIT, 15.01.2015).

Dem ZDF-Politbarometer zufolge lehnen 74 Prozent der Deutschen Pegida ab, die Ablehnung geht durch alle Parteien bis auf die AfD.

Der Theologe Friedrich Schorlemmer warf den „Pegida“-Anhängern vor, jeden Dialog zu verweigern, weil sie kein Konzept und Angst hätten, demaskiert zu werden. Die Verwendung von Parolen der DDR-Opposition wie „Wir sind das Volk“ sei „unverschämt, frech, geschmacklos und missbräuchlich“, sagte Schorlemmer im Deutschlandfunk.

„Früher mussten wir Muslime uns nach Terroranschlägen rechtfertigen. Doch etwas hat sich verändert“, schreibt Kübra Gümüşay für DIE ZEIT (13. Januar 2015). „Seit Pegida hat sich die Stimmung gewandelt, bestätigen viele meiner muslimischen Freunde. Sie sind nicht mehr Statisten in Angstszenarien, sie werden nach ihrer Meinung gefragt und wahrgenommen.“

Das bestätigt auch eine ZEIT-Umfrage, die mit erstaunlichen Ergebnissen aufwarten kann: „Drei von fünf Deutschen, 58 Prozent, sehen derzeit in einer ausländer- und islamfeindlichen Abschottung Deutschlands eine größere Gefahr als in einer stärkeren Verbreitung des Islams.“ Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Emnid, im Auftrag der ZEIT.

Befragt wurden 1005 Bundesbürger/Bundesbürgerinnen im Alter über 14 Jahren, zwei Tage nachdem drei islamistische Terroristen 17 Menschen in Frankreich ermordet hatten. „Die Sorge vor dem Islam ist im Norden Deutschlands weniger verbreitet als im Süden, im Westen weniger als im Osten, unter jungen Menschen weniger als unter ältereren, unter Gebildeten und Betuchten weniger als unter Menschen mit Hauptschulabschluss und geringem Einkommen“, schreibt der Journalist Martin Klingst zur ZEIT-Umfrage.

Eine gute Nachrichten in diesem Zusammenhang kam auch am 13. Januar aus Darmstadt: „Das Unwort des Jahres 2014 ist Lügenpresse.“ Das teilte die Jury unter dem Vorsitz der Sprachwissenschaftlerin Nina Janich in Darmstadt mit. „Mit dem Ausdruck Lügenpresse werden Medien pauschal diffamiert“, sagte Janisch. „Eine solche pauschale Verurteilung verhindert fundierte Medienkritik und leistet somit einen Beitrag zur Gefährdung der für die Demokratie so wichtigen Pressefreiheit.“

Vielleicht waren die Terrorakte in Paris ja wirklich so etwas wie ein Weckruf? Die deutsch-türkische Journalistin Kübra Gümüşay hofft das auch: „In einer Zeit, in der es leicht gewesen wäre, die Gesellschaft zu spalten, bringt uns ausgerechnet eine Tragödie zusammen. Hoffnung keimt in mir auf: Dieses Land verändert sich. Ein neues Wirgefühl entsteht. Eines, das seine Muslime einschließt und sich selbstbewusst gegen Rassismus wehrt“.

Die Toten von Paris mahnen zur Einheit, nicht zur Spaltung.

Knut Kuckel

Journalist (Radiojournalismus). Berufliche Stationen: Belgischer Rundfunk (BRF), Südwestrundfunk, SWR, Hessischer Rundfunk (hr).
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