Der Schweizer Journalist und Kolumnist Constantin Seibt: „Willkommen an Bord der prächtigen, aber sinkenden Galeere des Printjournalismus“. Die Zeitungen durchleben eine Krise, die vor dreißig Jahren noch unvorstellbar war. Damals konnten die Verleger noch satte Gewinne verbuchen. Heute beklagen sie sinkende Einnahmen. 

Die Verkaufsauflagen sind in drei Jahrzehnten  um fast die Hälfte geschrumpft. Von den Verlegern wird das inzwischen offen eingestanden. Sie suchen und finden. Die Medienwirtschaft experimentiert mit neuen Geschäftsmodellen. 

Beim „Spiegel“ sollen Print- und Onlineredaktion zusammengelegt werden und die Ankündigung der Süddeutschen Zeitung, ihre Leserkommentare künftig  in die sozialen Netzwerke zu verlegen, zeigt in eine ähnliche Richtung. Das Geld wird künftig dort verdient, wo die Mehrheit der Leser zu finden sind. Online. Die Klugen halten sich schon längst nicht mehr mit der Schuldfrage auf. Sie bekennen sogar, schuld sei nicht alleine das Internet. Es sei Zeit zum Handeln.

Wir wissen, dass die 14 bis 29 Jährigen einer gedruckten Zeitung höchstens zehn Minuten am Tag widmen. Diese Altersgruppe, so die FAZ, „ist eine Gefahr für die Verlage, unmittelbar und langfristig“. Weil sie zwar noch Zeitungen lesen, sie aber nicht mehr kaufen. Das machen beispielsweise noch ihre Eltern oder Großeltern.  Die allerdings ebenfalls – mit abnehmender Tendenz – der gedruckten Zeitung schenken immerhin noch doppelt soviel Leserinnen und Leser ihre Zeit. So wie jüngeren Leserinnen und Leser. In diesem Punkt, nähern sich die Generationen wieder an.

Der kontrovers diskutierte und vor ein paar Tagen gesendete Arte-Film „Die virtuelle Feder„, über die Zukunft des Journalismus, zeigte an Beispielen, welche Lösungsideen greifen.

Dazu Jan Freitag , der die Dokumentation für ZEIT-Online angeschaut hat: „Drei Jahre, nachdem das Flaggschiff „Le Monde“ des französischen Qualitätsjournalismus seine jungen Onliner unter großen Qualen mit den alten Printreportern vereinigt hat, feiert man in Paris ein Fest der Synergie. Die tagesaktuellen Berichte landen in Echtzeit auf Notebook, Tablet oder Smartphone, die vertiefenden Hintergründe tags drauf im Blatt.“

In seinem Buch, „Die Zeitung. Ein Nachruf“ hat der österreichische Journalist Michael Fleischhacker das Zeitungssterben hochgerechnet und kommt zu dem Ergebnis, dass im Jahr 2034 die letzte Tageszeitung ihre Druckmaschinen abstellen könnte.“ Rein statistisch. Der Autor prophezeit, „In zwei Jahrzehnten wird man keine Zeitungsleser mehr in den Wiener Kaffeehäusern sehen“.

Heute schreibt Michael Fleichhacker: „Wir wissen es nicht. Wir wissen nicht, wie es weitergeht mit den Medien. Wir sehen, dass es immer schwieriger wird, Zeitungsbetriebe zu finanzieren. Wir sehen, dass es noch immer schwierig ist, Menschen davon zu überzeugen, dass Internet nicht automatisch „kostenlos“ bedeutet.“ Wenn sein Bezahlmodell greift, werden wir in den Wiener Kaffeehäusern statt Zeitungsleser, Tablet- oder Smartphone-Nutzer bei ihrer Lektüre sehen können. Wie in den U-Bahnen oder Zügen, auf dem Weg zum Job oder anderenorts.

Fleischhacker  kündigt in seinem Werkstatt-Blog an: „Mit »NZZ.at« wird in den nächsten Monaten ein neues Medium auf den österreichischen Markt kommen. Wir bündeln das, was wir bisher gesehen haben, und unsere gesammelten Verdachtsmomente über mögliche künftige Entwicklungen in einem digitalen Bezahlprodukt.“

Viel Positives zum Journalismus von Morgen. Gefragt sein werden allerdings neue Formen des Journalismus. Ausgedient haben eigentlich schon jetzt, die Ressorts. Internetzeitungen, die den Mix anbieten – qualifizierter Politik- bzw. Nachrichtenjournalismus, im Wechsel mit bunten Themen und Video- oder Podcast-Beiträgen – werden mehr und mehr ihr Publikum binden.

Noch streiten die Redakteure des gedruckten „Spiegel“ mit den Onlinern über den Aufreger der vergangenen Woche, das angekündigte Konzept „Spiegel 3.0“ ihres Chefs Wolfgang Büchner. Eine Schlagzeile der gedruckten ZEIT vom 28. August bringt es auf den Punkt: „Wer bleibt, gewinnt“.

„Es sei fast Selbtsmord“, mahnt Constantin Seibt in seinem Buch „Deadline“, „in diesem Gewerbe zu arbeiten, ohne über dessen Zukunft nachzudenken. Das traditionelle Geschäftsmodell zerfällt. Es bestand darin, Zeitungen an die Leser und die Leser an die Werber zu verkaufen. Nun verschwindet die Werbung ins Netz und die jüngeren Leser auch.“

Zitat Deadline-Seibt (Journalist, Autor und Kolumnist, u.a. bei der NZZ und dem Schweizer Tages-Anzeiger): „Printjournalisten sind längst – wie alternde Schlagersänger – zum größten Teil in der Seniorenunterhaltung tätig.“

Nachrichten werden heute immer schneller verbreitet, inzwischen jedoch über digitale Kanäle wie Websites, Blogs und soziale Netzwerke.

Pierre-Olivier François spricht über seinen Dokumentarfilm „Journalismus von morgen – Die virtuelle Feder“: “ In der Welt der Presse hat sich alles verändert: das Geschäftsmodell, die Gewohnheiten der Journalisten und die Erwartungen der Leser. In den USA sind diese Veränderungen wohl am weitesten fortgeschritten. Das Sterben der Tageszeitungen war dort sehr ausgeprägt, hat aber auch dazu geführt, dass die Journalisten sich vermehrt auf die neuen Medien fokussieren.“

Pierre-Olivier François recherchierte für seinen Dokumentarfilm in den USA, Deutschland, Großbritannien, Frankreich und Indien: „Die  New York Times, ein Vorbild für viele Zeitungen weltweit, denkt darüber nach, Apps mit Sprachausgaben zu entwickeln, die in Ihr Badezimmer oder in Ihre Brille integriert werden! In Deutschland hingegen halten sich die großen Zeitungsverlage besser, auch weil die Leserschaft eine große Affinität zum Gedruckten hat. Der Wandel ist also weniger chaotisch und aggressiv. Aber Springer hat sich gerade von fast allen Zeitungen außer der Bild- und Welt-Gruppe getrennt.“

Chefredakteur Wolfgang Büchner konnte sein Konzept „Spiegel 3.0“ bei allen Verlags-Gesellschaftern durchsetzen. Jetzt muss er noch seine Redaktionen überzeugen. Die Entscheidung der „Spiegel“-Gesellschafter – das sind neben der Mitarbeiter KG mit Stimmanteilen von 50,5 Prozent der Verlag Gruner + Jahr mit 25,5 Prozent und die Erben Rudolf Augsteins mit 24 Prozent -, fiel einstimmig.

„Der Journalismus muss im 21. Jahrhundert neu erfunden werden“, polemisiert Constantin Seibt. Muss er? Muss er nicht? – Er muss, denn „das ehemalige Kernprodukt, die Nachrichten“, so Seibt, „ist inflationär geworden“. Information dringt 24 Stunden pro Tag aus dem Netz.“

Seibt nimmt in seinem Buch „Deadline – Wie man besser schreibt“ ( Verlag Kein & Aber, Zürich) das journalistische Handwerk unter die Lupe. „Gefragt sind neue Qualitäten“, ist im Klappentext zu lesen. „Ehrlichkeit, Haltung, Ideen, Stil“. Eine vergnügliche, aber auch erhellende Lektüre.

Denn (ein nun wirklich letztes Zitat) „schließlich geht es in der Pressekrise nicht nur ums Überleben im eigenen Job. Sondern auch um das Überleben einer ganzen Institution“.

Süddeutsche.de-Chef Stefan Plöchinger zur geplanten Leserdialog-Reform der SZ:
„Wenn wir eine Partnerschaft mit den Lesern eingehen wollen, müssen wir nicht nur Foren ernster nehmen. Wir brauchen kreative Formate des Leserdialogs „. weiterlesen bei „Plöchinger“

Update 03.09.14
Und dazu  taz.de:
Leserkommentare auf Sueddeutsche.de – Ein digitaler Debattensalon
Sueddeutsche.de schafft die Kommentarfunktion unter Artikeln ab. Diskutiert werden soll künftig nur noch zu ausgewählten Themen.

 

Knut Kuckel

Journalist + Online-Publizist. Berufliche Stationen: Belgischer Rundfunk (BRF), Südwestfunk (SWF), Baden-Baden, heute Südwestrundfunk, SWR, Hessischer Rundfunk (hr).
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4 Kommentare

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  • Die zentralen Fragen bleibt: Wie kann es gelingen, aus einer journalistischen Leistung (in deutscher Sprache) ein überregionales Geschäftsmodell zu machen? Wie finden professionelle Journalisten (im deutschsprachigen Raum) ein zahlendes Publikum für ihre Produkte, so dass sie von ihrer Arbeit (gut) leben können? Warum ist es Verlagen/Medienhäuser (im deutschsprachigen Raum) bisher nicht gelungen, die Leistungen ihrer Journalisten auch über digitale Kanäle gewinnbringend und überregional zu vermarkten?

    • Ihre Fragen sind existentiell für Verlage/Medien/Journalisten. Wichtiger, wie ich finde, anstatt nahezu täglich über den angeblichen Untergang des Qualitätsjournalismus zu klagen. Diese Frage darf zwar nicht außen vor bleiben, aber die Zukunftsfragen sind dringlicher. Die Verlage etc. sollten weiter experimentieren. Konzepte für die sich ergänzenden Print- und Online-Medien sind gefragt. Dabei finde ich, sollte der Journalismus auch neue Wege gehen. Welche Konzepte werden in Ihrem Haus diskutiert oder schon umgesetzt?

    • Danke Ihnen, Dieter,
      für Ihren Hinweis. Wenn ich auch nicht Ihren Vergleich Print / Schallplatte teilen kann, stimme ich Ihnen bei den regionalen Projekten zu. Die Regionalzeitungen sind vor allem betroffen, haben nach meiner Auffassung nur eine Chance im Regionalen. Die Welt-Information können andere besser, weil sie besser aufgestellt sind. Wer Politikjournalismus und das Weltgeschehen im Blick hat, ist vom Regionalen weit entfernt. Da sehe ich den Vorteil der Regionalmedien. Print und Online. Welche Erfahrungen haben Sie mit den „Berlinreportern“ gemacht? Vielleicht schreiben Sie uns das, wenn Sie zwischendurch etwas Zeit haben. Würde mich – und andere sicherlich auch – interessieren.
      Herzlichst, Knut Kuckel

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