„Morddrohungen, auch indirekte oder ironische, haben nichts mehr mit Meinungsfreiheit zu tun“, twittert „Brokkoli“. Kommentiert wurde ein Retweet der ARD-Auslandskorrespondentin Golineh Atai. Ein Hass-Troll schrieb sinngemäß, er freue sich, wenn man Frau Atai bald irgendwo aufhänge. Da hört der Spaß auf. 

Mit solchen Kommentaren wird das Recht auf Meinungsfreiheit strapaziert. So wie die Journalistin Atai, werden auch andere Kolleginnen und Kollegen in digitalen Medien rund um die Uhr beleidigt und bedroht. Manche berichten für uns von den Kriegs- oder Brandherden dieser Welt. Von  der Massenflucht der Jesiden aus dem irakischen Sindschar-Gebirge, vom Krieg in der Ost-Ukraine, über die kaum vorstellbaren Greueltaten der IS, vom Ausnahmezustand in Ferguson/Missouri oder den Terror der Extremistengruppe Boko Haram im Nordosten Nigerias.

Rückblick: „Trolle, also feindselige, meist anonym agierende Nutzer, gelten als die Plage des Internets. Sie überschwemmen Foren mit verächtlichen Beiträgen, sie verfälschen Fotos, Listen oder Rankings, sie hacken, sie mobben, sie manipulieren“. Darüber schrieb Astrid Herbold schon vor zwei Jahren. Die Journalistin schrieb für ZEIT-ONLINE über die früheren Trolle: „Ohne die anonymen Störenfriede gäbe es keine lebendige Netzkultur.“ Zwei Jahre später ist es alles andere als vergnüglich, „getrollt“ zu werden.

„Jeder kann heute – unabhängig von seiner gesellschaftlichen Stellung – zum Objekt von kollektiver Empörung werden“, schreiben Jens Bergmann und Bernard Pörksen im Vorwort des von ihnen herausgegebenen Buches „Skandal! Die Macht öffentlicher Empörung„.

Ein Niemand, der sich für Demokratie, Meinungsfreiheit und Toleranz engagieren möchte twitterte: „Merkel-Ferkel, und Supergauck noch habt ihr die Möglichkeit zurückzutreten!“

Luci Frank oder @falluja05 verschreibt sich einem „freien Palästina“ und schreibt an Ina Ruck: „Geht nix über gute Recherche, Golineh Atai, die ARD und auch das ZDF mit Ina Ruck, sie sind berüchtigt für ihre DESINFORMATION”. Ihre Recherche ist auf alle Fälle ungenügend.

„@falluja05“ versetzt die WDR-Journalistin kurzerhand zum ZDF. Ina Ruck war als Auslandskorrespondentin bislang in den ARD-Studios Moskau, Washington, Paris tätig.

Ein Selbstversuch. Wer sich über Twitter-Rohheiten empört und die Absender sperren lassen möchte, erhält von Twitter folgende Mail: „Vielen Dank für Ihre Meldung. Meldungen über Belästigungen werden vom Twitter Trust & Safety Team nur geprüft, wenn:

1) Sie unmittelbar betroffen sind ODER
2) Sie rechtlich dazu autorisiert sind, die Belästigung im Namen der belästigten Person zu melden.

Mit dieser Richtlinie soll sichergestellt werden, dass wir in direktem Kontakt mit der Person stehen, die Missbrauch oder Belästigung erfahren hat. Auf diese Weise haben wir die Möglichkeit, gegebenenfalls zusätzliche Informationen und Kontext anzufordern. Nach den von Ihnen vorgelegten Informationen erfüllt Ihre Meldung keines der oben genannten Kriterien und wurde daher nicht geprüft“.

Die Meute weiß, das es nicht einfach ist, sie zu bremsen. In jedem einzelnen Fall, kostet das Zeit. Twitter schreibt den Absendern „Wenn Sie glauben, dass die von Ihnen gemeldeten Inhalte oder Verhaltensweisen gemäß Ihrer lokalen Rechtsprechung strafbar sind, antworten Sie auf diese E-Mail mit zusätzlichen Informationen zu den Gesetzen, gegen die sie möglicherweise verstoßen. Nur so können wir mit der Prüfung des Sachverhalts beginnen“.

Allerdings, so der Twitter-Support, kann, wer will, doch noch etwas tun: „Sie können den Nutzer blockieren oder stummschalten.“ Auf gar keinen Fall sollte man den Hass-Troll kontaktieren, denn das könnte ihn „darin bestärken, sein Verhalten fortzusetzen“.

Die taz hat sich mit dem Thema schon vor einem Jahr beschäftigt: „Twitter-User fordern besseren Schutz. Drohungen, Belästigungen, blöde Anmachen. Tausende Twitter-User fühlen sich gegen derlei Angriffe zu wenig geschützt. Sie fordern das Netzwerk zum Handeln auf“. Eine Online-Petition im September 2013 war schließlich erfolgreich. Über 140-tausend Unterzeichner konnten sich durchsetzen. Daraufhin führte Twitter den „Missbrauchs-Button“ ein.

Der Protest, so schreibt die taz, entzündete sich an dem Fall einer britischen Aktivistin und Journalistin Caroline Criado-Perez. Sie hatte sich erfolgreich dafür eingesetzt, dass Frauen auf Banknoten des britischen Pfund abgebildet werden. Danach berichtete sie von massenhaften Drohungen über das Online-Netzwerk.

Der Kölner Jurist Stefan Maas merkt zu dem Fall von Caroline Criado-Perez an, „Im Internet kursiert die Auffassung, dass die Meinungs- und Informationsfreiheit ein höheres Gut sei, und die Betroffenen im Interesse einer solchen uneingeschränkten Meinungs- und Informationsfreiheit die persönlichen Verletzungen hinzunehmen hätten“. Maas vertritt u.a. die Auffassung, dass solche Auffassungen ein Relikt des Mittelalters sei. In unserer Zeit habe der Pranger ausgedient. Rechtlos sei allerdings niemand im Internet.

Zitat Rechtsanwalt Stefan Maas: „Das Grundgesetz sagt: Die Freiheit des einzelnen findet seine Grenze in den Rechten der anderen. Das ist sowohl aus Sicht der Betroffenen, als auch aus Sicht der Presse zu lesen. Seriöse Presse hat schon immer Wert darauf gelegt, sich nicht durch Interessen Dritter (oder eigenen erwerbswirtschaftlichen Interessen) manipulieren und instrumentalisieren zu lassen. (Quelle: Rufschädigung, Beleidigung und Verleumdung im Internet, von Stefan Maas, 02.08.2013)“.

„Ich arbeite in der Online-Redaktion. Von manchen Lesern bekomme ich jeden Tag was zu hören: „Neunmalkluge“, „Hetzpresse“, „widerliche Kriegstreiber“. Kritik, so scheint es, war gestern, heute herrscht Kampf. Soll ich das persönlich nehmen?“, fragt Andrea Diener (FAZ-Online). In ihrem vielbeachteten Artikel über „Troll-Kommentare“, schreibt die Kollegin u.a.: Ein freundlicher Briefeschreiber schickte der Online-Redaktion vor einigen Tagen folgende Mitteilung: „Hallo Zensor-Arschloch. Schreib doch die Kommentare selbst. Du kleiner Flach-Wichser.“ Ein anderer merkte an: „Stalin, PolPot, die Kims sind Waisenknaben gegen Ihre Zensur. Die FAZ ist ein WIDERWÄRTIGES MANIPULATIONS- und AGITATIONSINSTRUMENT!!!“.

Andrea Diener: „Je heftiger, lauter, beleidigender der Kommentar, desto schneller ist der Finger auf der Löschtaste. Die darauf folgenden „Zensur!“-Rufe kommen bald und zuverlässig“.

Georg Restle (ARD-Monitor): „Für nichts gibt es im Netz mehr Applaus als für die Behauptung, wir wären von „gleichgeschalteten Medien“ manipuliert und fremdgesteuert. Als sei Goebbels wieder auferstanden und die deutsche Medienlandschaft unter der Kontrolle von finsteren Mächten, seien es multinationale Konzerne, Spin-Doktoren oder militärische Geheimbünde. Ob Ukraine-Konflikt, Finanzmarktkrise oder Rentenpolitik: Immer sind es die nützlichen Idioten der Medien, die das Volk belügen, einlullen und hinter die Fichte führen“. Quelle: Gleichgeschaltete Medien? Kriegt Euch wieder ein!, ARD, Monitor-Blog, Georg Restle, 19.05.2014.

Meike Lobo schreibt in ihrem Blog Frau Meike sagt: „Ich mag Menschen nicht, aber ich verbringe viel Zeit mit dem Versuch, sie zu verstehen“. Im Impressum von „Frau Meike sagt“ ist zu lesen: Gerne gesehen seien „Beschwerden, Spott und Todesdrohungen, sofern sie in ganzen Sätzen formuliert sind.“ Meike Lobo ist übrigens mit dem Journalisten und Blogger Sascha Lobo verheiratet.

Weblink zum Thema: 
S.P.O.N. – Fragen Sie Frau Sibylle: Der Shitstorm, das sind wir alle, eine Kolumne von Sibylle Berg, 07.06.2014, Spiegel-Online
„Wir wüten, wir hassen, wir pöbeln: In Foren, Blogs und Hassvideos fühlen wir uns mächtig. Doch wie wird die millionenfache Häme im Netz sich langfristig auf unsere Gesellschaft auswirken?“ weiterlesen

 

                         

Knut Kuckel

Journalist (Radiojournalismus). Berufliche Stationen: Belgischer Rundfunk (BRF), Südwestrundfunk, SWR, Hessischer Rundfunk (hr).
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