“Warum fällt es Menschen, die Europa lieben, so schwer, sich auch für die Politik des Kontinents zu erwärmen?”, fragt Giovanni Di Lorenzo in der aktuellen ZEIT. Europa ist für Europäer “identitätsstiftend”. Kaum jemand wird daran zweifeln, dass Di Lorenzo viele Herzblut-Europäer kennt, doch warum melden die sich gerade jetzt nicht zu Wort? So kurz vor dieser bedeutungsschwersten aller bisherigen Europawahlen? Für Europa. Klar positioniert gegen das durchsichtige Spiel der Europa-Gegner, von den offensichtlich schon mal im Vorfeld ein berühmter Niederländer abgestraft wurde. “Wie kommt es zu diesem Zwiespalt? Und wie kommt man aus diesem Zwiespalt heraus?”

“Ich kenne fast nur Menschen, die sich von Herzen als Europäer verstehen”, schreibt Di Lorenzo, “auch wenn sie sich noch so häufig jenseits der Grenzen dieses Kontinents aufhalten – Europa ist für sie identitätsstiftende Vielfalt von Ländern, Sprachen und Landschaften. Es ist ist permanente Präsenz von Geschichte, Kunst und Kultur”. Nicht zuletzt sei inzwischen Europa eine “zivilisatorische Klammer, die sich die meisten europäischen Länder nach Kriegen und Konflikten” gegeben hätten.

Am vorletzten Tag vor dem Gang zur Wahlurne, sollten wir – so uns etwas an Europa liegt – diese und ähnliche Gedanken reflektieren. Ist diese “Skepsis, diese Ablehnung – dieser Hass”, der von europafeindlichen Stimmen laut wurde, das wahre Europa? Wiegt die Summe aller “populistischen und europafeindlichen Mandate” nach dieser Europawahl so schwer, dass dem Ideal Europa therapieresistente Wunden zugefügt werden?

Wo sind die Sündenböcke in der Politik und in den Medien, in der gesellschaftlichen Öffentlichkeit, die den Europa-Kritikern so viel Raum lassen, scheinbar Nationales über Gemeinsames zu stellen?

Die Zeit ist reif, sich mal wieder auf die gemeinsamen Werte zu besinnen. Auf den gemeinsamsten aller Nenner, im Umgang mit dem europapolitischen Alltag. Wie beherrschen wir die Migrationswellen? Oder wie kommen wir klar, mit den Zustrom an Flüchtlingen? Welches ist unsere europäische Position in der Politik Russlands gegen die Ukraine und damit gegen die bisherigen Werte eines geeinten Europas? Geht es uns wirklich nur noch um zweifelhafte nationalistische Interessen? Um Geld? Macht, Ausgrenzung? Um Egoismen? Um die Abschottung nach Außen?

Haben wir nach mehr als nur zwei Jahrzehnten vergessen, wie hoch und wie unüberwindbar abgrenzende Mauern an einer Demarkationslinie (einer “green line”) sein können? – Überlassen wir Europa also den Rechten und den ewiggestrigen Linken – und am Sonntag haben wir es in der Hand – dann ist der Traum von einem vereinten Europa schneller ausgeträumt als sich das mancher vorstellen mag. Es wird dann sehr lange dauern, bis die gemachten Fehler dieses Europawahlkampfes wieder korrigiert werden können.

Di Lorenzo: “Kein Wunder, dass es am Sonntag wahrscheinlich einen Wahlsieger geben wird, der von der CDU und SPD bislang eher kleingeredet worden ist: die europakritische Alternative für Deutschland (AfD); sie könnte sogar ein zweistelliges Ergebnis einfahren. Alle Versuche, diese politische Gruppierung als das Werk von Spinnern oder verkappten Rechtsradikalen darzustellen, werden dann fehlgeschlagen sein”.

“Wenn in der Mitte der Gesellschaft unangenehme Fragen auftauchen, müssen sie auch in der politischen Mitte beantwortet werden”, so Di Lorenzo.

Dem ist zuzustimmen. Allerdings fürchte ich, wir werden uns beim Analysieren der Wahlergebnisse am Sonntag Abend weniger mit uns und unserer aller Einstellung zu Europa beschäftigen, sondern mehr mit unseren Schwächen.

Wenn unsere Gesellschaft, die aktive Politik und die politische Öffentlichkeit, in weniger als 24 Stunden vor Öffnung der Wahllokale nicht mehr anzubieten hat, als so idiotische Fragen zu thematisieren, ob der SPD-Kandidat Martin Schulz “undeutsch” sei oder durch seine Haltung zur Flüchtlingspolitik in Wahrheit der “Geschäftsführer von Schlepperbanden”, haben wir überhaupt noch nicht verstanden, um was es in Europa geht. Und wenn sich von solch einem Unsinn, den bloggende Eiferer twitternd verzapfen (“Deutsche, wählt nicht den Luxemburger!”) noch die Wahlhelfer des konservativen Junckers hinreißen lassen, Schulz “den Europäer abzusprechen”, haben Luchte, Le Pen, Wilders, Grillo, Orbán und Vergleichbare schon vor der Wahl ihr Ziel erreicht. “Sie wollen die kulturellen Errungenschaften Europa schleifen”, warnt Sigmar Gabriel, SPD-Chef.

Gerade, weil in Ungarn jeder Dritte arm ist, weil in Griechenland und anderenorts Menschen hungern, weil Ausbildungsplätze für junge Menschen in Europa rar sind, weil der Rechtsruck in diesem Zusammenhang unübersehbar ist, brauchen wir Europa. Mutige Europapolitiker, die sich auch mit ihren Fehlern auseinandersetzen können, um für ein gemeinsames Europa zu kämpfen, in dem es uns allen eines Tages gut gehen könnte und in dem die Schwäche des Nachbarn als europa-gesellschaftliches Problem erkannt wird.

Nie habe ich Sigmar Gabriel mehr zugestimmt als heute, wenn er eine “Allianz gegen Populismus” fordert. “Zusammen mit Gewerkschaften, Arbeitgebern, Medien und allen wahrhaft demokratischen Parteien”.

Di Lorenzo: “Frieden, Freiheit und Wohlstand, das Fundament der EU, sind noch heute von unschätzbarem Wert. Aber sie taugen nicht mehr allein, um für den Gedanken der Europäischen Union zu werben. Hier helfen nur beherztes Argumentieren. Furchtlosigkeit gegenüber den realen Problemen und gelegentlich eine Spur von Leidenschaft für die Idee”.

Knut Kuckel

Journalist (Radiojournalismus). Berufliche Stationen: Belgischer Rundfunk (BRF), Südwestrundfunk, SWR, Hessischer Rundfunk (hr).
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