„Recherche klärt auf und kämpft gegen Vorurteile und Autoritätsdenken an“, sagte Hans Leyendecker zur Eröffnung des zweiten Recherchetags der Schweizer Journalistenschule (MAZ) in Luzern. „Dass sogar die Bild-Zeitung eine Abteilung für investigative Recherche hat, sagt einiges aus“, sagte Leyendecker. Er appellierte an die rund 70 Zuhörenden: Recherche dürfe kein Wut-Journalismus sein, sie müsse immer ergebnisoffen sein. 

„Mehr «good news» und weniger Eitelkeit im Journalismus – was Hans Leyendecker und Ulrik Haagerup dieser Tage propagierten, macht Mut. Und dürfte dem einen oder anderen Nachwuchsjournalisten Hoffnung geben. Doch mit der Hoffnung ist es schnell vorbei, wenn sie auf die Realität der Generation Praktikum trifft“, schreibt die MAZ-Studentin Carmen Epp in der MEDIEN WOCHE.

Journalismus dient der Aufklärung. So weit so bekannt. Doch klären wir wirklich auf? Stellen wir Dinge klar? Hans Leyendecker von der Süddeutschen Zeitung setzt ein grosses Fragezeichen dahinter. Er sprach kürzlich am Recherchetag der Journalistenschule MAZ in Luzern. Oftmals baue Recherche auf einer Verdachtsberichterstattung auf, sagte Leyendecker. Als Beispiel nannte er die Berichterstattung rund um den ehemaligen deutschen Bundespräsidenten Christian Wulff: Die Medien hätten den Prozess zu ihrem eigenen Zweck inszeniert. Und obwohl sich inzwischen herausgestellt hat, dass an den Vorwürfen wenig dran ist, treten sie noch immer auf Wulff ein.

Leser würden immer mehr mit dieser Einstellung an Geschichten gehen: überall Übeltäter und Schufte. Und es werde immer schwieriger, Leute zu finden, die etwas lesen, sehen oder hören wollen, das ihre Vorurteile widerlegen könnte. Dass die Journalisten ihrerseits dieses Spiel mitmachen, liegt laut Leyendecker an der Eitelkeit der Medienbranche.

Journalisten-bloggen.de empfiehlt die Lektüre des Artikels von Carmen Epp in der  MEDIEN WOCHE. Weil er fachlich sehr gehaltvoll ist und es der Autorin gelingt, mit ihren Lesern über die Kommentarspalte in die inhaltliche Debatte einzutreten.

Beispiele: Jeeves schreibt u.a. „Die „Sonnenseite“ ist den „Großen“ der Branche nicht zugeflogen (vermute ich). Man muss etwas tun, womöglich mehr tun als die anderen, besser sein, Ideen haben, Mut haben (was auch daneben gehen kann; deshalb nennt man’s „Mut“). Auf „die da oben“ neidisch zu schauen oder gar auf ihnen herumzuhacken weil sie auf der „Sonnenseite“ stehen, ist nur traurig und bringt einen nicht weiter.“ Carmen Epp antwortet: „Natürlich sind die besagten Journalisten nicht «einfach so» auf der Sonnenseite der Branche gelandet, und natürlich haben sie hart dafür gearbeitet, härter vielleicht als viele andere. Das will ich auch gar nicht abstreiten. Daraus Aussagen abzuleiten wie «Wer will, der schaffts auch» und im Umkehrschluss «Wer’s nid geschafft hat, hat zu wenig dafür getan» – das scheint mir allerdings auch etwas zu einfach.“

Helmut Schell schreibt am 7. Februar 2014, um 12:27 Uhr: „Sehr geehrte Frau Epp, ein kleines Beispiel über das Verhalten von Herrn Leyendecker. Nach meiner letzten Mail bekam ich keine Antwort mehr: „Also das ist schon sehr schwach, sehr geehrter Herr Leyendecker, wieso sollte der junge Helmut Haller wegen seines schmächtigen Oberkörpers “Bua” genannt werden? So einfältig sind die bayerischen Schwaben nicht. Bua heißt Bub“ […]

Die Antwort des so kritisierten kommt umgehend: „Sehr geehrter Herr Schell, danke für die Mail. Er wurde ´Bua`genannt, weil er wegen seines schmächtigen Oberkörpers wie ein Bub aussah. Darüber besteht in der Haller-Literatur, die es gibt, Einigkeit. Herzlich, Hans Leyendecker“. Zum ganzen Artikel: → MEDIEN WOCHE

MAZ-Studentin Carmen Ebb empfahl ihren Artikel auch über Twitter und regte an, über die Inhalte zu diskutieren. Als Erste antwortete die Wirtschaftsjournalistin Claudia Toedtmann (Wirtschaftswoche):

Quellen:

→ Journalismus nur für Privilegierte? Ideale muss man sich erst leisten können, von Carmen Epp, Medienwoche, Sa. 8. Februar 2014, Beitrags-Foto: Alexandra Stark

→ “Recherche darf kein Wut-Journalismus sein”, von Raphael Rehmann, recherche.mazblog.ch, Blog zum Schweizer Recherchetag am MAZ, am 27. Januar 2014

→ Die Schweizer Journalistenschule, MAZ, Luzern

Knut Kuckel

Journalist + Online-Publizist. Berufliche Stationen: Belgischer Rundfunk (BRF), Südwestfunk (SWF), Baden-Baden, heute Südwestrundfunk, SWR, Hessischer Rundfunk (hr).
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