Deutschland wird in keinen Tiefschlaf fallen, wie Jakob Augstein in seiner Spiegel-Online-Kolumne prophezeit. – „Nur noch den Koalitionsvertrag unterzeichnen und die Kanzlerin wählen, dann kann die neue Regierung müde, aber zufrieden in die Weihnachtsferien fahren“, schreibt Katrin Brand. Ihren ARD-Kommentar titelt die Hauptstadtjournalistin „Der GroKo-Kater droht„.  

Dabei geht sie offensichtlich von einem starken Rausch selbstzufriedener Koalitionäre aus, der sich bald legen wird.

Cicero, das Magazin für „politische Kultur“, schreibt „Die Chauvis in der CDU feilen bereits an ihren Männerwitzen, die Konservativen empören sich über die Nicht-Gediente an der Spitze der Truppe.“

Hans Peter Schütz vom Stern sieht die CSU als großen Verlierer und kritelt „Merkel hat Seehofer ordentlich abgewatscht„. – „Bitte Platz nehmen zum Regieren! BILD hat schon mal die Probleme serviert„, ist eine für BILD-Gepflogenheiten eher zurückhaltende Schlagzeile.

In anderen Kommentaren wird der Wahlkampf fortgesetzt und die künftige Ministerriege in Angela Merkels GroKo-Kabinett in Leicht-, Mittel- und Schwergewichte zerlegt. Da wird angeblich um die Dominanz der Netzpolitik gestritten, erste Unstimmigkeiten zwischen den neuen Koalitionären prognostiziert und eine Untergangsstimmung vermittelt, die nach 84 Tagen Koalitionsverhandlungen schlechter nicht sein könnte.

Andere unken, die GroKo sei eine Regierung auf Zeit oder die Demokratie in Deutschland sei geschwächt, weil die neue Regierung zu übermächtig sei. Ach ja, und wer klein an Statur ist, wandert besser aus, denn der vielzitierte „Kleine Mann“ wird überhaupt nichts mehr zu lachen haben. Er wird weiter verarmen und künftig mit Entsetzen auf seine persönliche Lohn- und Rentenentwicklung schauen.

Nur Elisabeth Niejahr, politische Korrespondentin im Hauptstadtbüro der ZEIT, freut sich auf die neue Regierung (s. Günther Jauch, ARD, 15.12.13).

Und von Elisabeth Niejahr ist bekannt, dass sie sachlich argumentieren und differenzieren kann. Leider wird das oft übersehen. Mit Blick auf die letzte Sendung von Günther Jauch, wurde von den anwesenden Journalisten, nur Ingo Zamperoni (ARD-Tagesthemen und demnächst ARD-Studio Washington) zitiert, der mit dem Begriff „Posten-Bingo“ kleine Gemüter erheiterte und sich ansonsten einer Sprache bediente, die hier nicht zitiert werden muss.

Inhaltlich waren die wenigen Einwürfe von Zamperoni eher schwach. Vielleicht lag es an seinem Spickzettel, der wohl nur flüchtig notierte Schlagzeilen der Stimmungspresse enthielt?

Gelobt wird im allgemeinen der clevere Schachzug von SPD-Chef Sigmar Gabriel, der es geschafft hat, eine klare Wahlniederlage in einen Wahlerfolg umzudrehen. Bewunderung findet auch der Mut Gabriels, vor dem Hintergrund des sehr miserablen Wahlergebnisses für die SPD, dieses Mitgliedervotum durchzuführen. „Das war dünnstes Eis“, heißt es da.

So war das. Die Alternative wäre schwerer vorstellbar. Schwarz/Grün? Dunkelrot-Rot-Grün? Eine CDU/CSU-Minderheitsregierung? Neuwahlen, nach drei Monaten regierungspolitischem Stillstand?

Wer wünscht sich so etwas ernsthaft? Zu vermuten ist übrigens auch, dass viele, die den Koalitionsvertrag klein reden, ihn gar nicht in vollem Umfang gelesen haben. Wer sich die Mühe macht und all‘ die Weltuntergangs-Stimmung verheißenden Kommentare zur GroKo liest, könnte in eine tiefe Depression verfallen. Nur keine Hoffnung und Optimismus verbreiten. Das wäre ja glatter Verrat am deutschen Wesen.

Deutschland hat seit heute eine bessere Regierung als in den vergangenen vier Jahren. Das Kabinett besteht weitgehend aus gestandenen Persönlichkeiten. Der Blick auf die Riege der Staatssekretärinnen und Staatssekretäre lohnt ebenfalls. Nicht zu vergessen die vielen Abteilungen der Ministerien mit erfahrenen Beschäftigten. Die werden alle eine gute Arbeit machen.

Deutschland ist keine Bananenrepublik. Nun lasst sie erst mal regieren, die GroKo. Wenigstens die üblichen 100 Tage, bevor erste Bilanzen gezogen werden sollten. Der nächste Wahlkampf beginnt in drei Jahren. Gönnen wir unserem Land diese Zeit.

Es gibt weitaus mehr Grund zur Hoffnung auf eine erfolgreiche 3. Große Koalition als umgekehrt.

Knut Kuckel

Journalist (Radiojournalismus). Berufliche Stationen: Belgischer Rundfunk (BRF), Südwestrundfunk, SWR, Hessischer Rundfunk (hr).
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