Sie schwätzen, hetzen, pöbeln, verleumden, hassen und beleidigen – die Repräsentanten einer neuen Hass-Gesellschaft im Internet. Dahinter verbirgt sich eine meist anonym agierende Gesellschaftsform, die das Internet mit verächtlichen Meinungsbeiträgen überschwemmt. Geleitet von Hass und Dummheit. 

Underground gegen Establishment. Frank Plasberg wandte sich in seiner aktuellen Sendung “hart aber fair” mit einem Weihnachtswunsch an seine Zuschauer – sie könnten gern kritisieren und ihre Meinungen gegenhalten, aber doch bitte ab 2014 mit ihrem vollem und echtem Namen. Sendung vom 9. Dezember 2013, “Haben die das wirklich verdient? Die Auf- und Absteiger 2013!”

Sascha Lobo: “Digitaler Hass ist ein gesellschaftliches Problem galaktischen Ausmaßes. Was ist digitale Demokratie wert, wenn der Netzhass die Diskussionen zerstört? Was sind Buchbewertungen wert, wenn in den Rezensionen blanker Hass herrscht? Was ist die Kommentarfunktion bei Zeitungsartikeln und Blogbeiträgen wert, wenn darunter eine digitale Pest Hassbeulen schlägt? Das größte Problem auf dem Weg zur digitalen Gesellschaft ist nicht technischer, sondern sozialer Natur: der digitale Hass.” Quelle: S.P.O.N. – Die Mensch-Maschine: Netzhass ist gratis, Sascha Lobo, Spiegel-Online-Kolumne, 4.12.2012

Ingrid Brodnig (Redakteurin der Wiener Wochenzeitung Falter) schreibt in ihrem Blog “Ganz offensichtlich läuft in vielen Onlineforen etwas falsch, denn statt einer sachlichen Debatte findet man dort menschenfeindliche Untergriffe” (Brodnigs Blog, Keine Macht den Rüpeln, “Hasserfüllte Poster & ahnungslose Journalisten? Eine Replik“).

Ingrid Brodnig: “Einst träumten die Webpioniere, dass das Netz ein Tool der Aufklärung sein würde, dass Menschen damit besser und einfühlsamer miteinander diskutieren könnten. Welch ein Irrtum! Vielmehr erleben wir online eine Kultur der Engstirnigkeit und Bösartigkeit. Dieser Hass verseucht das gesamte Klima. Es ist wissenschaftlich belegt, dass gehässige Onlinekommentare der öffentlichen Debatte schaden. Forscher der University of Wisconsin haben neulich das Verhalten von mehr als 1100 Internetusern beobachtet und herausgefunden, dass aggressive Postings auch die Artikel beschmutzen. Die Leser bewerten das Gelesene negativer, egal, was wirklich im Text steht. Wir Journalisten und Journalistinnen schaden uns also selbst, wenn wir hasserfüllte Postings zulassen.” Quelle: Brodnigs Blog, “Warum Hass-Postings so gefährlich sind, Gehört die Anonymität im Netz abgeschafft? Nein, zuerst müssen Onlinemedien Verantwortung übernehmen“.

Die Medienjournalistin Ulrike Langer schreibt zum Thema in ihrem Blog “medial digital“: “Die Kommentarspalten auf Medienwebsites sind eine für alle Beteiligten oft frustrierende Angelegenheit: Für Journalisten (Autoren und Redakteure), die angesichts des abgesonderten Unrats zunehmend resignieren und die Kommentarfunktion auf ihren Seiten am liebsten abgeschafft sehen würden. Für Nutzer, die sich von prolligen Kommentaren abgestoßen führen. Und natürlich für alle an einer ernsthaften und niveauvollen Debatte interessierten Kommentatoren, die nicht einsehen mögen, dass sie wertvolle Zeit in einen intelligenten Kommentar investieren sollen, der zwischen vielen üblen, banalen oder langatmigen Äußerungen einfach untergeht.”

“Mir ist kein Ort im deutschsprachigen Internet bekannt, an dem eine konstruktive Kommentarkultur herrscht”, so Adam Soboczynski in “Das Netz als Feind. Warum der Intellektuelle im Internet mit Hass verfolgt wird“, Die Zeit, 2.6.2009. “Jedem, der wachen Auges durch das Internet streift, ist die antiintellektuelle Hetze in den Kommentaren vertraut, die sich gegen angeblich Sperriges richtet, gegen kühne Gedanken, gegen Bildung überhaupt.”

Leo Lagercrantz war Chefredakteur einer meinungsstarken schwedischen Online-Zeitung. In seinem Gastbeitrag für die Süddeutsche Zeitung erklärt er, warum der geballte Hass und die Dummheit in den Nutzerkommentaren unter den Artikeln ihn erst zur Verzweiflung, dann zur Aufgabe seines Jobs gebracht haben. Jetzt plädiert er für moderierte Meinungsfreiheit. (Quelle: Meinung im Internet, Vom Elend der Nutzerkommentare, Von Leo Lagercrantz, Süddeutsche.de, Kultur, 22.9.2011).

Lagercrantz ist heute Herausgeber des Meinungsforums “Newsmill” im Internet und nennt die Hass-Gesellschaft der Meinungsseiten “Trolle”. Die unheimlichen Wesen im Web. “Der Troll selbst ist davon überzeugt, dass er oder sie ein mutiger Verfechter der Wahrheit ist, innerhalb einer Gesellschaft, die nach falschen Kompromissen strebt, in einer medialen Welt, die von “Feministinnen”, “Gutmenschen” oder “Zionisten” beherrscht wird, die – natürlich – insgeheim von den “Muslimen” übernommen werden. Solche Menschen, die heute Trolle sind, hat es immer gegeben. Der Unterschied aber besteht darin, dass sie früher keine Machtbasis besaßen.”

Die Machtbasis der Internet-Trolle sind heute Twitter und Facebook, die sozialen Netzwerke. Hier bauen sie sich ihre Hass-Kartelle auf, die auf Zuruf funktionieren. Da werden zu einem klassischen Shitstorm-Thema bei Twitter, beispielsweise die aktuellen “Rundfunkbeiträge” der öffentlich-rechtlichen Medien. Getweetet liest sich das so: “XY” unterstützt “YZ”, plus Link zum anzugreifenden Online-Beitrag. In kürzester Zeit registriert der Autor eine Flut negativer bis hämischer Kommentare. Nicht selten tief, unterhalb der Gürtellinie. Die Absender kommentieren anonym. Sie heißen “Lügenpresse”, “Edelweiss”, “tv-betrug”, “Andreas Hofer”, “Achim”, “Realo”, “Exsöldner” oder “Frau M aus dem Erzgebirge”. Die Hass-Aktivisten besitzen Internetplattformen mit eindeutigen Domain-Namen. Die Steuerzentralen konzertierter Aktionen. Ein Impressum gibt es nicht oder es führt ins Leere. Die Hass-Aktivisten agieren gegen Medien und Journalisten, sind gesellschaftsfeindlich und penetrant.

Adam Soboczynski: “Der Abscheu, der sich im Internet über die letzten Bastionen sachkundiger Meinungsbildung ergießt, hat unverkennbar revolutionären Anstrich. Geschwindigkeit siege über Behäbigkeit, Spontaneität über Professionalisierung, der Unvergütete über den Honorierten. Ein vom Verlag angestellter Journalist ist gegenüber dem Blogger immer schon im Unrecht – wie einst der Fürst im Ancien Régime gegenüber dem Bürger, der Moral und Fortschritt auf seiner Seite hatte.”

“Es eint der Neid die Amateure. Was zu kompliziert scheint, wird verhöhnt. Gemeinschaft soll endlich wieder sein, wo noch Gesellschaft ist. Nichts anderes meinen Heil versprechende Begriffe des Netzes wie »Interaktion«, »Partizipation« oder »E-Community«, die jene Selektionsmechanismen aus der Welt zu schaffen versprechen, auf deren Anerkennung jeder Aufklärungsdiskurs beruht.” (ZEIT-ONLINE, Netzkultur, Das Netz als Feind, Warum der Intellektuelle im Internet mit Hass verfolgt wird, von Adam Soboczynski)

Die Journalistin Ingrid Brodnig fragt sich: “Wie sollen wir mit all dem Hass umgehen, der tagtäglich in Zeitungsforen veröffentlicht wird? ” Oder “Wieviel Freiheit brauchen Kommentare?“, titelt Kai Biermann seinen Artikel in ZEIT-ONLINE, der nach Lösungen sucht. Biermann zitiert den Blogger Markus Beckedahl, den rüde Kommentare bei “Netzpolitik” nerven und nach neuen Wegen der Kommunikation sucht.

Markus Beckedahl hat keine Lust mehr, auf eine Kommentarkultur der Unbeherrschten, keine Lust auf Verschwörungstheorien die Schuldfragen mit einfachen Weltbilder. “Ich war motiviert und ich war geduldig. Das hat sich geändert: Ich hab da echt keine Lust mehr drauf. Es kostet Zeit. Und es kostet Energie. Am liebsten würde ich einfach die Kommentare schließen. Aber das ist keine Lösung.” Dann bittet Beckedahl sein Publikum bei “Netzpolitik” um Rat und hat bis heute über 240 Antworten erhalten. Darunter sind sehr kreative Ansätze. Der Tenor war: “Kommentare zulassen, Beleidigungen löschen. Die soziale Gemeinschaft wirds schon richten”.

Kommentare sind wichtig. Konzertierte Aktionen – so sie klar zu orten sind – allerdings nicht. Sie sind destruktiv und verbreiten eine schlechte Stimmung. Kommentare sollten moderiert werden. Vielleicht lässt sich ja eines Tages der Wunsch von Frank Plasberg aus “hart aber fair” langfristig durchsetzen? Wer kommentiert, sollte den Mut haben, dies unter Nennung seines Namens zu tun. Nicht als sogenannte “Sockenpuppe“.

Diesen Begriff der Netzkultur beschreibt Wikipedia: “Als Sockenpuppe (englisch sock puppet, auch Fake-Account oder Multiaccount, deutsch Mehrfachkonto) bezeichnet man im Netzjargon ein weiteres Benutzerkonto, das aus verschiedenen Gründen angelegt ist: Es kann zum Schutz der Privatsphäre dienen, den Zweck haben, Meinungen innerhalb einer Online-Community mit mehreren „Stimmen“ zu vertreten, oder zum Unterlaufen von Regeln der Community genutzt werden.”

Troll-Psychologie: Werden wir im Social Web immer nörgeliger? Ja, meint Leonard Reinecke. Er ist Medienpsychologe an der Uni Mainz und forscht über Kommunikation im Social Web. W&V Online sprach mit ihm darüber, was User dazu bewegt, überhaupt einen Kommentar abzugeben und unter welchen Umständen der Ton abgleitet. Negative Motive sind die stärkeren Treiber, sagt der Experte. → weiterlesen

Weblink zum Thema:
Eurozine, Kathrin Passig, Sümpfe und Salons, Internetkolumne

Knut Kuckel

Journalist (Radiojournalismus). Berufliche Stationen: Belgischer Rundfunk (BRF), Südwestrundfunk, SWR, Hessischer Rundfunk (hr).
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