„Der professionelle Journalismus ist auf dem absteigenden Ast“, sagt Weischenberg, der einst antrat, um das Gegenteil zu erreichen. „Schlimmer noch“, so der Journalistik-Professor sei allerdings, dass der Berufsstand im „Prozess der digitalen Revolution“ seine Identität verliere und durch „Selbstkommerzialisierung auf dem besten Wege“ sei, sich selbst abzuschaffen. Das in Wikipedia dieses sehr alte Weischenberg-Zitat¹ (und ähnlich lautende) vermutlich x-fach, von vielen Journalistik-Experten für den unaufhaltsamen „Untergang des Journalismus“ herhalten muss, wäre wirklich einmal einer weiteren Überprüfung wert.

Die Jahre vergehen. Das ist jetzt kein Parkbank-Spruch für Menschen ohne Zukunft, sondern eher eine Empfehlung, den Blick nach vorn zu richten, wenn es um die Zukunft und/oder die Qualität im Journalismus geht.

Für das Meinungsbuch „Die Souffleure der Mediengesellschaft: Report über die Journalisten in Deutschland“ (UVK Verlagsesellschaft) waren Siegfried Weischenberg mit Armin Scholl und Maja Malik vor langer Zeit unterwegs, um verwertbare Meinungen einzufangen. Über die Veränderungen im Journalismus und über die Zukunft des Berufsstandes, dem man lange nachsagte, so etwas wie die „4. Gewalt im Staate“ zu sein. Der Erstauflage, im September 2006 folgte bislang keine Überarbeitung, keine weitere Auflage. Vermutlich, weil sicherlich eine Zweitauflage die komplette Neuverfassung des 316-Seiten starken Buches erfordert hätte. Der Wunsch, der als seriös ambitionierten UVK-Verlagsgeselleschaft im Erscheinungsjahr (2006), das Buch sei „für Journalisten und solche, die es werden wollen, ohnehin ein Muss“, hat sich wohl nicht erfüllt.

Neun Jahre sind inzwischen vergangen. Deshalb macht es wenig Sinn, aus unserer heutigen Sicht,  marketingstrategisch reißerisch aufgemacht, den absehbaren Untergang des Berufsstandes der Journalisten einzuleiten. Sinn macht stattdessen, dagegen zu halten. Warum reden wir uns um Kopf und Kragen?

Den Untergang des deutschen Journalismus im Allgemeinen beklagen inzwischen Medien aller Art. Von links über die Mitte, nach rechts. Ich frage mich, wer schreibt das? „Vom Ausfransen des Journalismus“ und über das „journalistische Prekariat²“? – Ist das die Einleitung eines Selbstvernichtungsfeldzuges? Reden wir uns schlecht, um am Ende besser dazustehen? Sind Journalisten Masochisten, die zwar nicht gerne mit ebenso bunten wie schrillen Trillerpfeifen durch die Einkaufsmeilen ziehen, aber medial vorm eigenen Untergang warnen?

Gut, könnte man meinen, das gibt es in allen Berufsgruppen. Scheint wirklich ein deutsches Charakteristikum zu sein: Ärzte machen Ärzte nieder, Juristen wiederum Juristen, Verleger beschädigen Verleger, Medienmagazine triumphieren über Untergänge in der eigenen Zunft, Journalistenausbilder beklagen die Ausbildungsverhältnisse, Volontäre meckern über ihre Ausbilder, „Coach the coach“ hat auch auch nichts gebracht. Warum sollten also nicht Journalisten über den Qualitätsverlust im Journalismus und den unaufhaltsamen Untergang des eigenen Berufsstandes reflektieren dürfen?

Nur wer das „wagt“, möge nicht auf die  „Weischenbergs“ hören. Die behaupten nämlich allen Ernstes, „Journalisten verstehen keinen Spaß, wenn es um sie selbst geht“. Und mehr noch: Die ewige, scheinbar lähmende Journalismus-Debatte, lasse sie feinhäutiger werden. Sie reagieren „sehr schnell und sehr gereizt“, so Siegfried Weischenberg mit seinen Co’s Armin Scholl und Maja Malik im Vorwort von „Die Souffleure der Mediengesellschaft: Report über die Journalisten in Deutschland³“ Zwischen den Zeilen klingt durch, dies sei ja durchaus verständlich. Wer seine „Lousy Pennies“ (Karsten Lohmeyer) nicht mehr mit seriösem Journalismus verdienen könne und deshalb selbige „mit Public Relations“ verdienen müsse, könne schon mal, nachvollziehbar, die Fassung verlieren. Immerhin geht es ja um nichts Geringeres als die Identität des Journalismus und die Folgen habe die Kommunikationsgesellschaft zu verdauen. Letztere ist schuld daran, wenn nicht mehr so viele Print-Produkte gekauft werden und Verlage deshalb Zeitungen bestatten müssen.

Das sind „Alphatiere“, die sich aufregen, wenn ihre Berufsehre tangiert sei, sagt die Journalistik. Übersetzt: Protagonisten, die aus der Rolle fallen und „Rudelbildung“ zur Durchsetzung eigener Interessen betreiben. Sehr fein übersetzt: Jetzt jammern die abgesägten Journalisten in Netzwerken. Noch eine Schmähprobe aus wissenschaftlichem Munde gefällig? „Großjournalisten, die ständig und kräftig austeilen, empfinden es als Majestätsbeleidigung, wenn sie dabei mal selbst getroffen werden“. Auf Kritik folge in der Regel Empörung. Siegfried Weischenberg: „Da kommt es auch vor, dass ein Chefredakteur (einer von denen, die es gerade nötig haben), sein Ansinnen auf Unterlassung vorträgt“. So etwas werde zurück gewiesen.

Zugegeben, das ist sehr überzeichnet reflektiert. Auffällig in der #Journalismusdebatte jedenfalls ist die Aufgeregtheit auf allen Seiten. Das muss so allerdings nicht sein. An andere Stelle ist in „Journalisten-bloggen.de“ zu lesen, dass die digitalen Medien die Zukunft sind. Dazu braucht man Netzwerke, die einem verraten, wie in der veränderten Medienwelt heute noch etwas zu verdienen ist oder wie sich guter Journalismus vermarkten lässt. Medienwissenschaftler haben oft ihrerseits gereizt reagiert, wenn ihnen die Praxis-Ferne der Medienwelt unterstellt wurde. Der Berufsstand muss sich schließlich auch täglich neu erfinden.

Von den Weischenbergs, Ruß-Mohls, Hallers, vonLaRoches, Hömbergs, Masts oder Arnolds hat noch meine Generation – mehr oder weniger – ihr Handwerk gelernt. Heute schmunzeln wir über die Erläuterungen zum „Computer-chinesisch“, wenn uns beim Aussortieren alter Fachbücher das „Handbuch des Bildschirm-Journalismus“ über „Elektronische Redaktionssysteme“ von Siegfried Weischenberg und Peter Herrig aus dem Jahre 1985 in den Schoss fällt. Oder die damals unverzichtbaren „Linkverzeichnisse“ in Ratgebern für Medienwissen wie dem „Internet-Journalismus, dem Leitfaden für ein neues Medium“ von Klaus Meier (IVK-Medien, 1998). Manche der Vorgenannten lassen ihre Klassiker heute von jüngeren Kolleginnen und Kollegen überabeiten. Rührende Versuche, zu retten, was zu retten ist.

Neu schreiben wäre besser. Noch besser, neu schreiben, online publizieren (gegen freiwillige Spenden) wie unser jüngst vorgestelltes Online-Buch „Dicht dran – oder mittendrin? Lokaljournalismus zwischen Recherche und Regionalstolz“ aus der netzwerk-recherche-Werkstatt. Fachpublikationen haben heute eine Halbwertzeit von wenigen Monaten. Da lohnt es sich nicht immer, gleich ein Buch zu drucken.

Es lohnt allerdings sicherlich mal ein zukunftsweisendes Buch über die Chancen des veränderten Journalismus zu schreiben. Hoffnung machend für den ambitionierten Nachwuchs, nicht entmutigend. Damit wären nicht nur wieder, um ernet Karsten Lohmeyer zu bemühen, ein paar „Friendly Pennies“ zu verdienen, sondern dass würden jungen Journalistinnen und Journalisten Mut machen, sich differenziert aufzustellen. Mehr-Säulenmodelle in Netzwerken oder auch alleine zu entwickeln. Nicht nur, um zu überleben, sondern um sich mitzuteilen, zu schreiben und davon letztlich auch ordentlich zu leben.

 

Quellen:

Siegfried Weischenberg¹: → Geschichte des Journalismus/Journalismusheute, Wikipedia.
Ralf Huttner²: → Vom Ausfransen des Journalismus, neues deutschland.
Siegfried Weischenberg, Maja Malik, Armin Scholl³, → Die Souffleure der Mediengesellschaft, Report über die Journalisten in Deutschland, 2006, UVK-Verlagsgesellschaft.

Knut Kuckel

Journalist (Radiojournalismus). Berufliche Stationen: Belgischer Rundfunk (BRF), Südwestrundfunk, SWR, Hessischer Rundfunk (hr).
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