Das Experiment Europa stößt an seine Grenzen. Die Deutungshoheit europäischer Politik gehört offensichtlich den Stammtischen. Die Alte Welt tut sich schwer daran, sich neu zu erschaffen. Wir überlassen den Rechtspopulisten das Thema Europa und die machen Front gegen Brüssel.

Das Experiment Europa stößt an seine Grenzen. Die Deutungshoheit europäischer Politik gehört offensichtlich den Stammtischen. Die Alte Welt tut sich schwer daran, sich neu zu erschaffen. Wir überlassen den Rechtspopulisten das Thema Europa und die machen Front gegen Brüssel. 

Negativ-Schlagzeilen beherrschen die Debatte. Die Bankenkrise Griechenlands wird zur „Eurokrise“. Die Finanzkrise Europas wird zum Scheidungsgrund der Nationalstaaten. Die Wirtschaftsmacht Deutschlands weckt nicht nur im europäischen Boulevard alte Ängste. Rechtspopulistische Maulhelden sitzen in den Parlamenten. Im viel gelobten Europa der Regionen, in den Metropolen und in Brüssel. Die „Ballermänner“ dominieren die Schlagzeilen.

Die europäische Einigung bleibt anscheinend auf der Strecke. Was ist los mit uns? Sehen wir vor lauter Wald keine Bäume mehr? Muss sich der Europäische Journalismus – so es ihn je gab – neu erfinden? Oder liegt die Problematik im Zuständigkeits-Konflikt?

Wer darf über die Europäische Union schreiben? Von wenigen Ausnahmen finden die Auswirkungen der EU-Politik nicht im Regionalen statt. Schade, denn gerade die Lokal- und Regionaljournalisten hätten dazu sehr viel Positives beizutragen. Vielleicht würden sie ja gerne einmal darüber berichten, weshalb Brüssel dem Imker, seiner Region Laborstationen zur Lokalisierung von Bienenseuchen finanziert? Warum der Hühnerfarmer um die Ecke seine Ställe hennenfreundlich umbauen kann? Das Programm-Kino in seiner Stadt Kulturfördermittel beantragen durfte? Oder weshalb sozial benachteiligte Grundschüler an der England-Fahrt ihrer Klasse teilnehmen können? Warum der Streetworker im Brennpunkt der Großstadt ein Sinfonie-Orchester auf Tour schicken kann? Oder der letzte Krabbenfischer auf Sylt Ausfallförderungen beantragen könnte?

Ja. Sicher. Diese Themen finden mehr oder weniger statt. Nur bleibt der EU-Anteil in seiner Berichterstattung häufig auf der Strecke. „Ich darf nicht über EU-Förderung schreiben, das ist Sache der Politik“, hört man auf Nachfrage. Die „Politik“ sagt, für das „Regionale“ sind wir nicht zuständig. Der Regional-Korrespondent in Brüssel schreibt für die „Politik“ und im Zweifel für seinen regionalen Europa-Abgeordneten. Der EU-Korrespondent weiß, dass in den Zeiten der Finanzkrise nur schlechte Nachrichten „Gute“ sind. Also macht er schon einmal vor irgendwelchen Beschlüssen Stimmung und zitiert aus den „gut informierten Kreisen“, dass die Agrarsubventionen europäischer Bauern gekürzt werden sollen und so weiter und so fort. Jetzt dürfen die Lokal- und Regionaljournalisten im heimischen Revier ausschwärmen um nicht-repräsentative Umfragen zu machen. Und das machen sie mit dem größten Vergnügen, denn nun sind sie am Ball und dürfen schimpfen lassen. Auf die da Oben, auf Europa, über den „T-Euro“, die Politiker und all die Heuschrecken, die dem Kleinen Mann nichts gönnen, sich aber in den Steuer-Oasen an den Fleischtöpfen Europas satt fressen. Den Applaus bekommen sie dafür ganz sicher am Stammtisch. Für manchen Leistungsdruck-Geschwächten der Regional-Ressorts nicht selten die allerletzte Informationsquelle.

Es ist ja nicht so, dass die Problematik nicht immer und immer mal wieder aufgegriffen wird. Wir alle haben schon einmal von Prof. Dr. Gerd G. Kopper gehört, dem Gründer des Schwerpunktes Europa am Institut für Journalistik der Universität Dortmund, der sich jahrelang für die Qualifizierung journalistischer Ausbildung durch Europäische Programme und Forschung stark gemacht hat. Dabei überzeugte Kopper mit Vorschlägen zur Reform der Journalistenausbildung. Die „Herausforderung Europa“ sei auch eine „Herausforderung für den Journalismus und die damit verbundene Journalistenausbildung“ geworden. Seine Bemühungen sind uns noch als „Dortmunder Modell“ geläufig (s. auch Gerd G. Kopper (Hrsg.), Europa als Herausforderung, European Journalism Review Series, Vistas).

Torsten Schäfer schreibt in → „Wie fern ist Europa“, im Auftag der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung „Zwei Drittel aller Deutschen nutzen Lokal- und Regionalblätter und deren Onlineangebote. Dort wird über Europa aber nur berichtet, wenn es regionale Bezüge gibt. Genau diese aber werden selten von den Medien erkannt.“ Schäfer nennt eine Vielzahl möglicher Gründe. Regional- und Lokalblätter hätten meistens keine Mitarbeiter in Brüssel scheint dabei wohl der Hauptgrund zu sein. Die Nachrichtenagenturen bestimmten, was ins Blatt käme und damit auch, was nicht. „Die EU kann auch aus einem anderen Grund vergessen werden: fehlendes Sachwissen. Ein Problem, das sich in mehrfacher Hinsicht auf die Berichterstattung auswirkt. Viele Redakteure fühlen sich mit der komplexen EU-Politik überfordert, weshalb sie selten von sich aus eine Recherche beginnen.“ „Fehlende Gesichter“ erschwerten den Journalistinnen und Journalisten in Lokal- und Regionalredaktionen allerdings auch oft die Arbeit.

Oft seien es auch das mangelhafte Wissen, ob der Recherchequellen, so Torsten Schäfer: „Selbst die wichtigsten EU-Fachdienste wie »Euractiv.com«, »EUobserver.com« oder »politikportal.eu« sind den wenigsten Redakteuren ein Begriff. Geschweige denn der wertvolle Themen-Newsletter „Europa vor Ort“ eines auf die EU spezialisierten Korrespondentenbüros in Brüssel, den Redaktionen kostenlos abonnieren können. Auch die lokalen EU-Experten, Europa-Referenten von Kommunen, Landkreisen oder Industrie- und Handelskammern, sind wenig bekannt und werden kaum befragt.“

Katy Walther hat sich für das Medium-Magazin mit → „Europas Hauptstadtjournalisten“ beschäftigt. Sie schreibt, während es für die bekannten Korrespondenten ein Privileg sei, in Brüssel zu arbeiten („Für manche Journalisten kommt der Korrespondentenjob in Brüssel gleich nach dem in New York.“), sei vielen Freien längst die wirtschaftliche Basis entzogen worden. Zwar sei die Nachfrage nach EU-Themen durch die Eurokrise eher gestiegen, auf die Honorare habe sich das jedoch nicht ausgewirkt, schreibt Katy Walther. Auch in Brüssel sei die Krise angekommen, 70 Cent pro Zeile von einer Qualitätszeitung reichten nicht fürs Überleben. Sie erfährt von Altgedienten, wie Alois Berger, dem langjährigen Korrespondenten der „Weltreporter“ in Belgien: „Wenn man als Freier dort ist, muss man sich eine Nische suchen. Manche Zeitungen suchen sich zu ihren festen EU-Korrespondenten noch freie Mitarbeiter für die Belgien-Berichterstattung, andere suchen Spezialisten beispielweise für Forschungspolitik. Das ist möglich. Ich sehe aber relativ wenige Leute, die davon auf Dauer leben können.“

Was Gerd G. Kopper schon vor fünf Jahren schrieb, ist noch heute gültig: „Das Thema Europaberichterstattung kennzeichnet die kurze Faszinationsphase in der journalistischen Praxis. Es ist dies eine – jedenfalls in Deutschland – bereits vergangene Phase, in der sich Ressortchefs und sogar Chefredakteure ernsthaft Gedanken über Form, Verfahren, Platzierung und Optionen der Europaberichterstattung gemacht haben.“ Quelle: → Gerd G. Kopper, „Keine Schnecke, sondern die Maus“ – Zwei Jahrzehnte europäische Journalistik, Herbert von Halem Verlagsgesellschaft.

EU-Themen kommen in den Lokal- und Regionalmedien bei den Lesern nicht unbedingt gut an. Die Redakteure hätten schon Interesse, sich stärker damit zu beschäftigen, ist vielfach zu hören. Gefragt sind also die Bosse. Die Verleger, Intendanten und/oder Chefredakteure. Gefragt sind allerdings auch neue Ausbildungskonzepte. An den Journalistenschulen und an den Hochschulen. Europa in der journalistischen Wahrnehmung auf interkulturelle Themen zu reduzieren, passt schon lange nicht mehr in die Zeit. Denken wir nach. Strengen wir uns an. Lassen wir es nicht zu, dass EU-Themen nicht an Stammtischen schlecht geredet werden.

Knut Kuckel

Journalist (Radiojournalismus). Berufliche Stationen: Belgischer Rundfunk (BRF), Südwestrundfunk, SWR, Hessischer Rundfunk (hr).
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